HIV, Beziehungen und Freunde

In den letzten Tagen habe ich viel von Leuten gelesen die, weil sie positiv sind, Probleme haben/hatten einen Beziehungspartner zu finden. Oder aber frisch infiziert sind und einen gerne einen Partner hätten. Daher schreibe ich heute diese Zeilen:
Kurz nach meinem schwulen Coming out besuchte ich die Göttinger Schwulengruppe. An dem Tag brachte jemand den Spiegel mit, in dem zum ersten Mal von einer schwulen Krankheit die Rede war.
Ich hatte in der Zeit einige Beziehungen, die jeweils ein paar Monate hielten. 1984 hatte ich dann eine Hepatitis B, die mich für Monate von den Beinen geholt hat. Als ich im April 1985 nach Hannover zog lernte ich bald die ersten „Erkrankten“ kennen. Zwischen Aids und HIV wurde damals noch kein großer Unterschied gemacht. Wer HIV hatte, erkrankte mit größter Sicherheit irgendwann an Aids.
K. wurde kurz bevor ich ihn kennenlernte positiv getestet. Es kostete zunächst Überwindung, aber ich habe ihn damals in die Arme genommen und auch geküsst um ihm und auch anderen zu Zeigen das man keine Angst haben muss. Ich hatte keine Beziehung mit ihm aber irgendwann haben wir es in der Sauna, natürlich Safe, auch mal zusammen getrieben.
1986 hatte ich eine Beziehung zu U. Wir waren fast ein Jahr zusammen, weil ich aber immer wieder meine Abenteuer hatte, habe ich mich von ihm getrennt, weil ich ihn nicht durch mein Verhalten gefährden wollte. Danach sah ich ihn regelmäßig beim Cruisen. Nun 1995 hörte ich mehr zufällig dass U. an Aids gestorben sei.
In den ganzen Jahren habe ich auch immer wieder über HIV/Aids aufgeklärt. Safer-Sex-Aktionen in Kneipen gehörten da ebenso zu wie Gesprächsrunden und Autorenlesungen. Ich hatte auch immer wieder mit dem einen oder anderen Safer-Sex. Das galt besonders auch beim Cruisen. Nur in Beziehungen habe ich meist auf das Kondom verzichtet. Das immer ohne Test.
Ja ich werfe Asche auf mein Haupt. In den 80ern und 90ern habe ich oft Positiven-Treffen besucht. Mal um Veranstaltungen vor zu bereiten, mal einfach nur zum Reden oder weil ich/wir Unterstützung für ein Projekt brauchten.
Anfang der 90er lernte ich Napoleon Seyfahrt auf einer Lesung kennen. Er schrieb das Buch „Schweine müssen nackt sein“. Darin erzählt er von seinem Leben mit Aids. Ich hatte die Ehre einige Mal von ihm nach Berlin eingeladen worden zu sein. Von seinem Tod erfuhr ich erst durch einen Nachruf in der Presse. Das war für mich ein Grund sein Buch noch mal zu lesen. Als ich mein Testergebnis HIV+ erhielt habe ich es zum 3. Mal gelesen.
Ich war in der Zeit auf Beerdigungen von einigen Freunden. M. hat immer offen gelebt. Der Partner von C. hat immer wieder neue Krankheiten erfunden die C. hatte, bis er kurz vor seinem Tod doch noch sagte was C. hat. Ich war enttäuscht über das wenige Vertrauen, das C. und sein Partner in den Freundeskreis hatte. Haben wir doch gemeinsam M. 6 Monate vorher Beerdigt und es war nie für jemanden in der Gruppe ein Problem das M. Aids hatte.
1996 lernte ich jemanden in Frankfurt kennen. Wir trafen uns einige Zeit alle paar Wochen und hatten immer Safer-Sex. Irgendwann sagte er mir er wolle unsere Beziehung beenden. Erst danach habe ich erfahren, dass er positiv ist. Er hat mir nie eine Antwort auf meine Frage gegeben ob er deswegen keine Beziehung wollte, er hat mir nie irgendeinen Grund genannt. Das war für mich eine scheiß Erfahrung. Ich habe mich damals betrogen gefühlt, weil er mir nicht vertraut hat.
Kurz bevor ich im Herbst 1996 ins Rhein-Main-Gebiet zog, hatte ich auf einer Party noch Sex mit einem Mann. Da wir beide keinen Pariser hatten, hatten wir halt mal ohne Gummi sex. Im Oktober dieses Jahres lernte ich dann meinen Mann kennen. Wir hatte die erste Zeit Safer-Sex, aber nachdem irgendwann einem ein Kondom riss, haben wir uns entschieden es künftig weg zu lassen.
Ich erinnere mich noch an zwei andere Risikokontakte danach. Wir hatten öfter mal gemeinsam Sex mit anderen. Beide liegen jetzt aber nach genauem überlegen 10-11 Jahre zurück einmal poppten wir gemeinsam einen anderen und das andere Mal spritzte mir ein Typ ohne Vorwarnung in den Mund. Was passen würde, zu dem Zeitraum erinnere ich mich über fast 3 Wochen Grippesymptome und hohes Fieber gehabt zu haben. Symptome die auch zu einer akuten HIV-Infektion passen. Seltsamerweise bekam mein Mann keine Grippe auch wenn wir zusammen wohnen und auch schlafen.
Nach Meinung einiger dürfte meine Infektion aber in näherer Vergangenheit liegen. Nur da ist mir beim besten Willen nichts weiter in Erinnerung was ein Risikokontakt sein könnte.
„Mit HIV Leben“ bedeutet nicht nur als HIV-Kranker zu Leben. Als schwuler Mann lebt man auch als negativer mit HIV. Wenn 10-12% der Schwulen HIV+ sind, so meine Überlegung, kennt fast jeder Schwule mindestens einen anderen der positiv ist. Auch wenn derjenige es nicht sagt, weil er Angst hat zurück gewiesen zu werden. Und diese Angst ist leider oft begründet. Wie viele gibt es die niemals eine Beziehung mit jemanden eingehen würden der positiv ist? Da muss jeder mal ehrlich mit sich selber sein. Frag dich mal selber:
„Würde ich mit jemandem eine Beziehung haben wollen der positiv ist?“
„Ändert HIV die meine Freundschaft zu jemanden?“
Ich bin mir sicher dass sehr viele die erste Frage mit „Nein“ und die zweite mit „Ja“ beantworten.
Mir war immer egal ob jemand HIV hat. Mir war nie der Mensch egal. Ich wollte mal Sex mit jemanden, er sagte mir: „aber ich bin positiv“. Wir hatten trotz allem guten Sex auch wenn er es übertrieben hat. Wir hatten am Ende jeder ein Kondom drüber und haben uns gegenseitig „nur“ gewichst und gestreichelt. Dann hat er auch noch zwei Handtücher geholt um die Spermareste ab zu wischen.
Wenn man einen Menschen wirklich liebt, ist es egal ob er HIV-positiv oder -negativ ist. Wenn man ihn wegen HIV plötzlich nicht mehr liebt sollte man sich fragen lassen ob das wirklich liebe war.

Das war heute harter Tobak aber ich möchte nochmal an die Aktion der Aids-Hilfe erinnern. Drückt einfach den Roten-Knopf in dem folgenden Link.

Advertisements

Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
Dieser Beitrag wurde unter HIV abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s