Nachlese zum Welt-Aids-Tag

In der Frankfurter Paulskirche wurde der Welt-Aids-Tag wie in jedem Jahr mit einer Gedenkfeier bedacht.
Zu nächst ein paar Zahlen. In Frankfurt starben in den letzten 12 Monaten 61 Menschen an den Folgen von Aids. In Frankfurt gab es 87 Neudiagnosen, eine Neudiagnose ist nicht gleich zusetzen mit einer Neuinfektion. Hessenweit waren es 240 Neudiagnosen.
Auf der Rednerliste stand als erster Beitrag Christian Setzepfandt von der Frankfurter Aids-Hilfe für mit der Begrüßung für diesen Abend. Des Weiteren sprach er über 25 Jahre Frankfurter-AH und den Stand HIV/Aids heute.
Frau Oberbürgermeisterin Petra Roth hielt das Grußwort der Stadt Frankfurt. Sie berichtete auch über ihre Erlebnisse die sie seit Beginn der Aids-Aktivitäten auch mit ihrem persönlichen Einsatz begleitet hat. Und sagte auch für die Zukunft eine enge Zusammenarbeit der Stadt Frankfurt zu.
Der 3. Redner des Abends war Stefan Grüttner, hessischer Sozial Minister, sprach über die Grenzen der Gesundheitspolitik. Dazu werde ich an dieser Stelle später eingehen, wenn ich die Redebeiträge in den kommenden Tagen auf den Seiten der Frankfurter Aids-Hilfe nochmals nachlesen kann.
Interessant war der Beitrag von Dr. Theo Zwanziger ( DFB ). Sein Thema war „Grenzen der Ausgrenzung“. Er hat es sich nicht leicht gemacht. Hatte er doch eine Rede vorbereitet und sie aufgrund vieler Fragen seitens der Veranstalter verworfen und diese Fragen vor Publikum beantwortet. Er sieht im Breitensport und insbesondere beim Fußball ein erhebliches Potential gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung und gegen die Missachtung der Menschenwürde zu kämpfen. „Der Ball macht keine Unterschiede“ ob jemand Schwul oder Hetero ist, ob jemand Christ oder Moslem ist, ob jemand deutscher ist oder nicht. Die Integration Homosexueller in den Fußball sei ein Prozess der Zeit braucht. Ein Outing schwuler Fußballprofis sieht er weniger in Deutschland als problematisch, vielmehr auf internationaler Ebene, da viele Profis eben auch auf internationale Verträge hoffen.

Ulrich Würdemann, ein Aids Aktivist der ersten Stunde und Initiator der Seite ondamaris.de sprach über die „Grenzen der Selbsthilfe – Begrenzte Selbsthilfe?“ Mit seiner Rede werde ich mich jetzt näher befassen. In vielen Punkten hat er meine Meinung einfach nur bestätigt.
Ondamaris ist eine Seite, die sich mit HIV/Aids und schwulem Leben in Politik, Forschung und Gesellschaft auseinander setzt. Jedem Schwulen und persönlich oder indirekt HIV-Betroffenen kann ich diese Seite nur ans Herz legen. Er sprach darüber, warum er die Selbsthilfe in Gefahr sieht, was man dagegen tun kann und welches Problem insbesondere im Verhältnis zwischen Selbsthilfe und Aids-Hilfe bestehen.

Aidshilfe entwickelte sich in Dialog und Auseinandersetzung mit Selbsthilfe. Die Bundesweiten Positiventreffen entstanden 1986, gerade weil Positive sich nicht in Aidshilfe wiederfanden.

Ich war in den 80ern und auch bis Mitte der 90er wohl ein Schwulenaktivist, aber um die Belange der Aids-Hilfe habe ich mich nicht besonders gekümmert. Ich habe mal bei Präventionskampagnen und Infoveranstaltungen geholfen. Das war es dann aber auch für mich. Zu der Zeit lebte ich in Hannover. Die Aids-Hilfe einst von Schwulen gegründet, gelangte immer mehr in die Hände gut meinender Heteros und betreute lieber Fixer als positive Schwule. So hatte ich ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zur Hannöverschen AH. Erst später erkannte man, dass es die Schwulen ja doch auch noch gibt und baute die Präventionsarbeit in dieser Richtung wieder aus. Das war auch der Zeitpunkt, in dem ich mich dabei beteiligt habe. Daher kann ich gut verstehen wenn Ulli weiter sagt:

Festzuhalten bleibt:
– Selbsthilfe war eine Notwendigkeit.
– Sie begann als Gegenwehr – weil sich sonst niemand kümmerte.
– Selbsthilfe und die Auseinandersetzung mit ihr waren konstitutiv für Aidshilfe

Die Aids-Hilfen wurden, so Ulli, primär bezahlt um Präventionsarbeit zu leisten, die Selbsthilfe geriet da schnell an zweite Stelle. Daher war es wichtig, das sich Positive zusammen tun um die Selbsthilfe in die eigene Hand zu nehmen. So entstand schnell eine überregionale Zusammenarbeit. Er berichtet weiter von der ersten „Bundes-Positiven-Versammlung“ 1990 in Frankfurt, deren Grundgedanke war:

„So unterschiedlich wir auch leben mögen, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren, gerade nicht in dem zentralen Punkt: Unser Leben – und sei es auch zeitlich noch so begrenzt – wollen wir selbst bestimmen und in allem, was unser Leben von außen beeinflusst, wollen wir selbstbewusst und selbstverständlich mitentscheiden …“

Angst und Wut über die Ignoranz waren laut Ulli der Grund für die Entstehung der AKT UP Gruppen auch in Deutschland. Ich vermisse gerade auch diese politische Gruppierung um AKT UP in Deutschland. Hat AKT UP doch sehr viel für positive erkämpft, insbesondere auch für mehr Engagement in der Forschung und auch Politik. Ja Ulli, auch ich bin der Überzeugung die Zeit war vor 20 Jahren anders. Sehr vieles hat sich z.T. zum Glück normalisiert. Heute ist es normal, wenn zwei Männer zusammen leben. Es ist auch normal, dass man an HIV nicht mehr sterben muss.

Die Angst von damals ist nicht mehr – „der Druck ist raus“.
Von Zorn, von Wut weit und breit keine Spur.
Im Gegenteil, die Lage scheint „entspannt“ – Gegenwehr nicht mehr erforderlich.

Das Glück, in der jetzigen Zeit ist zweischneidig. Ja es ist ein großes Glück die HIV-Diagnose nicht mehr als Todesurteil sehen zu müssen. Aber dadurch werden wir eingelullt. Die Wachsamkeit geht verloren. Politik und die Gier der Industrie sind noch immer ein Problem auch wenn die Mehrheit das so nicht wahrnimmt. Zunächst heißt es gegen die Gier der Industrie zu Klagen, damit endlich auch in armen Regionen dieser Welt eine Flächendeckende Therapie der Betroffenen möglich ist. Nicht zu vergessen ist aber auch die Politik, im eigenen Land und in der Welt. Eine Strafbarkeit von HIV ist wie von mir, der Seite Ondamaris und vielen anderen beschrieben Gift für die Prävention. Auch da ist auch unsere Regierung gefragt. Auch in unserem Land werden regelmäßig HIV-Positive verurteilt weil sie HIV-Positiv sind.
HIV und Aids, wurden normalisiert. Je Normaler etwas wird umso mehr verliert es an Interesse in der Öffentlichkeit. So sagt Ulli. Und das betrifft auch die Selbsthilfe

‚Normalisierung‘ bringt Banalisierung mit sich.

Die Stigmatisierung bleibt bestehen.

‚Normalisierung‘ kann zur Marginalisierung führen.

Bei all der Normalisierung bleiben Diskriminierung und Tabuisierung und Stigmatisierung bestehen. Noch immer versteckt sich der Großteil der Positiven. Noch immer schweigen die Betroffenen lieber als offen über ihre „Krankheit“ zu reden. Und das z.T. leider nicht ohne Grund. Verweigern doch noch immer Zahnärzte die Behandlung eines HIV-Positiven. Werden doch noch immer Menschen mit HIV von ihren Chefs entlassen, weil sie Positiv sind. Geraten noch immer Sexualpartner in Panik, wenn sie erfahren das ich gegenüber positiv ist. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Ich kann es verstehen, wenn jemand über seinen Status schweigen will, so wie auch mein Mann. Um aus dieser Stigmatisierung raus zu kommen ist es wichtig, dass sich viele offen zu ihrem HIV-Satus bekennen.
Das Dilemma der noch bestehenden Selbsthilfen im Privaten-Kreis ist, so Ulli, das es sich um kleine wenig bis gar nicht vernetzte Gruppen handelt. Diesen kleinen Gruppen fehlt Mach in der großen Politik zu bestehen. Die Lage ist derzeit so:

– Da gibt es Gruppierungen mit hochtrabenden Namen, die kaum ein einziges HIV-positives Mitglied zu haben scheinen – wohl aber Sozialarbeiter und andere nur von, aber nicht mit HIV Lebende.
– Es gibt Gruppen mit bundesweitem Anspruch, die kaum genügend aktive Mitglieder aufweisen, um ihre Treffen zu füllen.
– Oder Gruppen, die nur noch ihrem Namen nach existieren.
– Und es gibt Organisationen, die gute Arbeit leisten – jedoch nur in ihrer Region, zu ihrem Themengebiet – zu Lasten vieler anderer Themen, die liegen bleiben.

Aber wir haben nicht, was wir brauchen: eine engagierte, mutige, bundesweite Positiven-Selbstorganisation und -Interessenvertretung.

Nur wenn wir als Positive unsere Ansprüche selber geltend machen haben wir die Vertretung die wir wollen und brauchen. Sich auf andere zu verlassen und das gilt auch für die Aids-Hilfe schränkt und in unseren Forderungen ein. Was wir brauchen ist eine Unabhängige Organisation von Betroffenen die ohne andere Interessen berücksichtigen zu müssen für die Belange der Positiven eintritt. Das fängt bei jedem einzelnen von uns an. Jeder einzelne kann etwas bewirken, aber als viele können wir unseren Einfluss auf die Politik und Industrie potenzieren
Ulli wagt einen Blick über die deutsche Grenze: nach Frankreich zu Gruppen wie „The Warning“, Holland „poz & proud“ oder die Schweiz „LHIVE“, als Organisationen die das Selbstbewusstsein der Betroffen stärken, die politisch aktiv sind. In Deutschland dagegen verlässt sich der HIV-Positive inzwischen auf die Aids-Hilfe. Ulli versucht uns wach zu rütteln, er stellt die Prognose, dass die Selbsthilfe, wenn wir alles so weiter laufen lassen wie bisher in zwei bis drei Jahren am Ende ist.
Kann das unser Wunsch sein? Ich für meinen Fall beantworte diese Frage mit einem klaren „NEIN“. Wo sind die einst so Aktive Gruppen wie AKT UP geblieben. Wir benötigen dringend eine Gruppe die unsere Interessen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aktiv vertritt. Leisten können wir es uns nicht darauf zu verzichten. Aber dazu bedarf es den Mut des einzelnen offen zu seiner Infektion zu stehen um auch anderen Mut zu machen es genauso zu tun. Erst wenn wir Positiven Zeigen das wir da sind und unsere Rechte Einfordern werden wir diese auch bekommen.
Die gleiche Debatte gab es übrigens vor 20 Jahren in der Schwulenbewegung. Wenn damals nich viele auf die Straßen gegangen wären um zu ihrem Schwulsein zu stehen, gäbe es auch heute noch keine „Homoehe“, wir wären weit weg von Diskriminierungsverboten und vielem anderen was in den Jahren mühsam erkämpft wurde.
Wir HIV-Positiven sind nicht verantwortungslos und schon lange keine Biowaffen oder Todesengel als die Zeitung mit den 4 großen Buchstaben ins so gerne tituliert. Wir benötigen auch in Zukunft Gelder für Prävention, Aufklärung, den Kampf gegen Diskriminierung und vielem anderen. Wir müssen die Industrie bedrängen das auch in armen Ländern die Medikamente bezahlbar zu machen. Wir dürfen uns nicht auf dem Ausruhen was wir bisher erreicht haben. Wir dürfen es auf keinen Fall zulassen das Politik und Industrie gegen unseren Willen Entscheidungen trifft. Wir müssen bei diesen Entscheidungen aktiv Einfluss nehmen.
Ullis Schlusswort war:

Wir haben heute eine leistungsfähige Aidshilfe – und das ist gut!
Was wir jetzt brauchen, ist eine
organisierte Selbsthilfe und Selbst-Interessenvertretung
neben der Aidshilfe, kritisch und solidarisch –
aber unabhängig.

Dem habe ich jetzt nichts hin zu zufügen.

Zum Ende des Abends sprach Prof. Dr. Jürgen Rockstroh über die Grenzen der Medizin.
Seinen Ausführungen zufolge sind die „vielen“ Aids-Toten in erster Linie darauf zurück zu führen, dass eine Infektion zu spät erkannt wurde. Weiter ging er auf die Zukunft ein, wenn in 5 Jahren ein großer Teil der HIV-Positiven über 50 Jahre alt sein werden. Dann werden noch andere Probleme auf die Betroffenen zu kommen. Wenn mit kardiovaskulären Erkrankungen zu rechnen ist zum einen zurück zu führen auf das Alter und zum anderen auf durch das HI-Virus verursachte dauerhafte Entzündungen. Werden die betroffenen dann vorzeitig an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall versterben? Die Gefahr sieht er zumindest.
Eine Chance sah er in der Vorbeugung durch eine Präexpositions Prophylaxe (PrEP). Er wies auf neuste Forschungsergebnisse hin durch die nachgewiesen wurde das die Gefahr einer neuinfektion um bis zu 44% gesenkt werden konnte.
Nach all diesen Reden Sammelte ich ein aus einigen Hundert Personen bestehender Trauerzug, der mit Fackeln und Rosen bestückt bei Eiseskälte durch die Frankfurter Innenstadt zum Aids-Memorial zog. Am Memorial wurden wie in jedem Jahr die Rosen niedergelegt und die Namen der in den vergangenen 12 Monaten an Aids verstorbenen vorgelesen. Dazu war leise im Hintergrund ein Saxophon zu hören. Ich bin bei diesem Punkt immer den Tränen nahe. Es kostet mich jedes Jahr immer wieder viel Kraft das zu überstehen. Dazu werden immer einige Nägel aus Bronze in die Wand geschlagen. Wer mal zu Besuch nach Frankfurt kommt sollte das Aids-Memorial auf dem Peterskirchhof unbedingt besuchen. „Verlezte Liebe“ steht dort in die Wand gemeißelt. In diesem Jahr ließen fast alle ihre Fackeln brennen um für ein klein wenig Wärme zu sorgen.
Soweit zu meiner Nachlese.
Wer den gesamten Redebeitrag von Ulli Würdemann lesen möchte, kann das unter folgendem Link tun:
http://www.ondamaris.de/?p=23020&utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+OndaMaris+%28ondamaris%29&utm_content=FaceBook

Ende des Trauermarsches mit Rosenniederlage

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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