Raus aus dem Stigma?

Vorab ein paar Worte: An diesem Beitrag habe ich viele Tage gearbeitet. Ich habe geschrieben und verworfen und neu geschrieben und überarbeitet… jetzt ist er vielleicht fertig. Aber ich bin noch lange nicht am Ende.

Viele Krankheiten sind mit einem Stigma belegt. Das war schon immer so und das liegt in Natur des Menschen. Es hat wohl mit der Angst vor Krankheit an sich zu tun, auch in einer scheinbar aufgeklärten Welt. Warum sollte HIV da eine Ausnahme machen? Das einzige Mittel dagegen ist eine bessere Aufklärung über die Krankheit und den Umgang mit ihr. Ein wirklicher Großteil der Bevölkerung ist über HIV noch immer nicht richtig informiert. Vielmehr ist ein begrenztes Halbwissen zu beobachten. Mitverursacher daran sind zweifellos gewisse Medien, da gibt es noch immer zu viele die die gar kein Interesse daran haben wirklich zu informieren, die lieber mit Halbinformationen die Masse ihrer Leser manipulieren. Da wird der HIV-Infizierte schnell mal zur Virenschleuder oder Biowaffe der es darauf anlegt möglichst viele zu infizieren. Wir (Betroffenen) wissen dass das absoluter Unsinn ist, aber mit solchen Schlagzeilen lässt sich Geld machen.

Diese Fehlinformation fängt schon bei so alltäglichen Infektionen wie eine Erkältung an. Sehr viele glauben noch immer, dass man eine Erkältung bekommt man weil man sich verkühlt, das ist Unsinn, aber dennoch sind davon noch immer sehr viele überzeugt. Ich kann mich als gesunder Mensch nackt im Schnee wälzen und habe anschließend keine Erkältung. Ich weiß dass, aber erkläre das mal „Lieschen Müller“. Ähnlich verhält es sich mit HIV. Ich werde niemanden anstecken, weil er mir die Hand gibt oder sogar aus dem gleichen Glas trinkt. Von einer Biowaffe bin ich also weit entfernt.
Die Frage ist eher was kann man gegen Stigmatisierung tun. Wie erreiche ich Otto-Normal-Verbraucher wirklich? Wie bringe ich ihm bei, dass es für ihn keime Gefahr ist mit mir an einem Tisch zu sitzen? Ist es Aufgabe von Selbsthilfegruppen sich auf die Straße zu stellen und Aufzuklären oder sollten wir das Profis überlassen? Mit einem Stand der Aids-Hilfe in den Innenstädten erreicht man viele Menschen, aber noch lange nicht genügend. Und schon gar nicht diejenigen, die ihr Wissen aus gewissen Boulevard-Blättern beziehen. Bleiben also die Medien, die aber gern mit Halbwahrheiten große Schlagzeilen machen.

Das man sich mit Kondomen schützen kann sollte durch die die vielen Safer-Sex-Kampagnen der AH und BzGA ausreichend bekannt sein. Ebenso sollte jeder jüngere Europäer genügend Informationen in der Schule erhalten. Aber in welcher Kampagne wir gesagt das von uns Betroffenen keine Gefahr im normalen Umgang mit anderen besteht? Erst zum letzten Welt-Aids-Tag wurde zaghaft mit einer solchen Kampagne begonnen. Hat sie das gewünschte Ziel erreicht, können wir positiven jetzt offener mit HIV leben? Ich glaube nein. Dafür bedarf es etwas mehr. Ich habe nichts gegen diese Kampagne, ganz im Gegenteil, sie geht mir nur nicht weit genug. Meine Frage ist kommt sie bei den Menschen an? Erreicht sie etwas im Kampf gegen Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung? „Ich bin HIV-Positiv und meine Freunde stehen zu mir!“ stimmt so oft nicht, weil die Freunde gar nicht informiert werden. Das trifft auf die Kollegen und Familie genauso zu.

Viele Positive machen noch immer schlechte Erfahrungen beim Outen. Ärzte verweigern die Behandlung, OPs werden ganz ans Ende des Tages gelegt, Freunde wenden sich ab, (potentielle) Sexualpartner ergreifen die Flucht und Arbeitgeber finden fadenscheinige Gründe für eine Kündigung. Gerade solche negativen Beispiele sind für viele der Grund seinen HIV-Status geheim zu halten. Und dennoch ist es richtig über seine Infektion zu reden, kein Geheimnis daraus zu machen. Ich meine damit nicht es jedem der mit mir zu tun hat zu sagen dass ich HIV habe, dann kann ich es auch in die Zeitung setzen. Was interessiert den Briefträger oder die Kassiererin im Supermarkt mein HIV-Status? Wem man etwas sagt muss aber jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Je mehr Menschen HIV-positive kennen, umso mehr müssen sich zwangsläufig auch mit dem Thema HIV auseinander setzen. Mit wachsendem Informationsstand aller wächst schließlich auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Um für mehr Aufklärung zu sorgen ist meines Erachtens insbesondere auch der HIV-Positive selbst verantwortlich. Es bedarf aber auch einer starken Interessenvertretung der Positiven, die bei negativen Erlebnissen intervenieren. Das wird in vielen Fällen von den Aids-Hilfen übernommen, aber damit das auch geschieht ist es wichtig dass der HIV-Positive sich in solchen Fällen sich nicht scheut und sich an entsprechende Einrichtungen wendet. Hierbei meine ich aber die Aids-Hilfe nicht ausschließlich an sich, sondern ich meine auch Selbsthilfegruppen die nicht immer an eine AH gebunden sein müssen.

Ein anderer Aspekt des Stigmas von HIV ist der Übertragungsweg. HIV holt man durch SEX oder durch intravenösen Drogengebrauch. „Da ist der doch selber schuld…“ Sicher ist jeder der sich HIV dur Sex oder Drogen holt in gewissem Masse selber schuld, sollte es doch jeder inzwischen besser wissen wie man schützen kann. Und dennoch wie viele Männer finden hunderte von Ausreden warum sie kein Kondom verwenden wollen. Da hat der liebevolle Partner Sex außerhalb der Beziehung. Was kann seine Partner/Partnerin dann dafür, wenn er ihn/sie später infiziert? Das Risiko eine HIV-Infektion weiter zu geben ist gerade in den ersten Wochen nach der Ansteckung besonders groß.

Wie das Ziel Stigmatisierung, Ausgrenzung und Diskriminierung zu beenden im Detail zu erreichen ist kann ich noch nicht sagen. Ein wesentlicher Schritt ist die verbesserte Information aller Bürger.
Heute habe ich einen Bericht über die RTL-Serie „Unter Uns“ gelesen.

Ein dramatisches Schicksal erwartet die Zuschauer der Serie “Unter uns” (Montag bis Freitag, 17.30 Uhr, RTL) demnächst. Micki (Joy Lee Juana Abiola) erhält nach einer Blutspendeaktion in der Schule eine folgenschwere Diagnose: Sie ist HIV-positiv. Angesteckt hat sie sich bei einem One-Night-Stand im Drogenrausch. Von ihrem Freund Tobias (Patrick Müller) wird sie mit den auf sie einstürzenden Problemen alleine gelassen. Sein Test fällt negativ aus.

http://prominent24.de/2011/03/08/unter-uns-rtl-serie-macht-hiv-zum-thema/1216951/
Vielleich ein Anfang…

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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