30 Jahre Aids…

30 Jahre Aids

Ich weiß, ich habe schon lange nichts mehr geschrieben. Ich nehme mir das zwar immer wieder vor, aber irgendwie fehlt mir die Zeit. Was hat sich seit meinem letzten Eintrag ereignet:
Der Protest, nicht nur von mir, gegen die Zusammensetzung des Aidsbeirates hat Wirkung gezeigt. Zwei Betroffene wurden nachträglich in den Beirat aufgenommen. Na also warum nicht gleich so? Muss man als betroffener immer erst mal Druckmachen bevor etwas passiert? Jetzt ist die Dumpfbacke Rösler ja dank der Pleiten seiner Partei und des bisherigen Parteivorsitzenden Westerwelle auf diesen Posten gerutscht und er hat das Wirtschaftsministerium übernommen. Dafür sitzt ein anderer auf seinem alten Posten. Warten wir ab was der neue bringen wird…

30 Jahre Aids ist die Schlagzeile für diesen Monat.
Ein Grund zum Feiern? Sicher nicht. Oder vielleicht doch? Soll ich feiern, dass ich 30 Jahre AIDS überlebt habe. Nennen wir es einfach unverschämtes Glück. Die ersten Jahre, als die Übertragungswege noch unbekannt waren, zu überstehen ist Glück. Selbst als die Safer-Sex-Kampagnen starteten hat man doch öfter mal das Gummi vergessen. Wer damals auf ein Kondom bestanden hat war ja schon verdächtig Aids zu haben. Das hat sich etwas später verschoben, aber so genau habe ich es nicht immer genommen. „Wenn einer positive ist, wird er es schon sagen!“ gilt heute genauso wenig wie damals. Letzt endlich sind sehr viele Positive ihres Status einfach nicht bewusst. „Ich bin nicht getestet, also bin ich negativ!“ ist nicht gültig. Richtiger ist es, sich in jedem Fall zu schützen.

30 Jahre Aids. Zeit für einen Rückblick auf die Geschichte von Aids. Vor 30 Jahre wurde Aids zum ersten mal Wissenschaftlich erwähnt. Aids gibt es aber länger. „Schwulen-Pest“ nannte man es 1981 noch. Etwas später wurde bekannt, das Aids auch Bluter betrifft so wie auch Fixer. Es sollte noch etwas dauern, bis 1983 Luc Montagnier das Aids-Virus heute HI-Virus entdeckte und damit auch die Übertragungswege definierbar wurden. Um 1985 gründeten sich die ersten Aidshilfen.
1981, für mich ein Jahr mit Bedeutung. Das Jahr in dem ich mein schwules Comingout hatte. Nach dem ich endlich wusste, dass ich schwul bin habe ich mir eine Schwulengruppe in Göttingen gesucht. Bei dem für mich ersten Treffen mit dieser Gruppe brachte jemand den Spiegel mit, in dem in deutschen Medien zum ersten mal über diese „Schwulen-Pest“ berichtet wurde. 1981 – 2011 heißt für mich auch 30 Jahre Schwul. Zu wissen, dass man schwul ist und fast Zeitgleich die ersten Meldungen über eine „Schwule-Krankheit“ zu lesen war schon seltsam. Aber was sollte ich machen? Ich wollte mein endlich gefundenes Sexleben ausleben. Sich aus Angst vor einer Krankheit zu verkriechen, nein danke!

Ein knappes Jahr später lag ich mit einer Hepatitis-B im Krankenhaus. Erst viel später wurde mir klar, dass ich mir diese auch beim Sex mit einem anderen Mann eingefangen haben konnte.
Nach ausgiebig auskurierter Hep-B und einigen Weiterbildungen zog es mich 1983 beruflich nach Hannover. Schnell fand ich den Weg in einen Schwulen-Verein, indem ich kurz darauf aktiv wurde. Aids-Aufklärung gehörte zu den Pflichten schwuler Gruppen. Wir hatten einen regen Kontakt zur Aids-Hilfe und haben regelmäßig gemeinsame Info-Abende veranstaltet.

Ein Leben mit Aids? Wann ich mich infiziert habe ist mir nicht bewusst, ich kann nur vermuten. Gelegenheiten gab es viele. Auch wenn ich es besser wissen musste, habe ich doch oft genug auf Safer-Sex verzichtet. Sei es aus Geilheit oder warum auch immer. Ich will hier gar nicht nach ausreden suchen. Vielleicht habe ich schon immer damit gerechnet doch selber positiv sein zu können. Auch wenn ich mich nie habe testen lassen bis mein im September 2009 Mann positiv getestet wurde…

Schock…!
Was jetzt…?
1986 begann man Aids-Kranke mit AZT zu behandeln. AZT seigte auch zunächst die gewünschte Wirkung, das Virus wurde unterdrückt und die Kranken erholten sich. Die T4-Helferzellen (heute CD4) erholten sich. Dann der Rückschlag, schon nach wenigen Monaten versagte AZT, die Viren wurden resistent.
Ich habe durch meine aktive Arbeit in der Schwulenbewegung damals viele Aids-Kranke kennen gelernt. Berührungsängste habe ich schnell abgebaut, kannte ich doch die Übertragungswege. Auch hatte ich derzeit Sex mit dem einen oder anderen „Aids-Kranken“. Klar mit Gummi.

30 Jahre Aids, ein Denkwürdiges Jubiläum!
30 Jahre Schwul!
1996 endlich der Durchbruch in der Therapie. Die dreier Kombi war gefunden. Zunächst ein Aufatmen. Endlich gibt es eine „Heilung“. Die Ernüchterung kam schnell. 30 Pillen am Tag, dazu noch die eine oder andere Pille gegen die Nebenwirkungen. Trotz allem endlich eine Chance zu mit Aids zu leben. 30 Pillen zu fest vorgegebenen Zeiten zu ganz bestimmten Bedingungen. Ob nüchtern oder zum Essen, mitten in der Nacht… Überdosiert ohne Ende und Nebenwirkungen…

Ich lebe noch!…!
30 Jahre…
Heute reicht zum Teil eine Pille am Tag. Die Nebenwirkungen sind weniger geworden. Neue Medikamente mit hoffentlich noch weniger Nebenwirkungen sind in Aussicht. Hurra, wir leben in einer Zeit in der HIV behandelbar ist. Aids muss heute nicht mehr sein.
30 Jahre Aids…
Eine Krankheit bei der viele noch immer den moralischen Finger heben. „Da ist der selber schuld!“ Noch immer sind die Klischees im Kopf der Urteilenden. Insbesondere auch unter Schwulen, der Hauptbetroffenengruppe in Europa.

Noch immer wird ausgegrenzt und diskriminiert. Noch immer Stigmatisiert. Was wird in 10, 20 oder 30 Jahren sein? Ist eine Heilung irgendwann einmal machbar?

Die wichtigsten Aufgaben die es jetzt anzupacken gilt, ist der Kampf um Akzeptanz, gegen Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung. Ein Kampf gegen Windmühlen? Ich glaube nicht. Wenn immer mehr zu ihrer Infektion stehen, wenn das Leben mit HIV immer „normaler“ wird, wenn in den Köpfen endlich angekommen ist, dass ein HIV-positiver keine unmittelbare Gefahr ist kommen wir der Sache einen Schritt näher.

30 Jahre Aids…
Der Kampf ums Überleben ist gewonnen(?) Der Kampf um die Rechte fängt erst an.

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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