Positive Aktivisten

Welche Aktionsformen sind heute realisierbar?

Mit diesem Thema trafen wir uns mit den Niedersächsischen Schwulen Gruppen ende der 80er. Unsere Erkenntnis, eine „Latschdemo“ bei den 100-200 Leuten durch Hannovers Innenstadt traben interessiert kaum einen Passanten. An eine Parade wie heute üblich war damals nicht zu denken.

Heute ein solches Plenum einzuberufen wäre durchaus denkbar. Dazu muss der Positive aber auch bereit sein öffentlich aufzutreten. Hiersehe ich das gleiche Problem wie zu Zeiten der Schwulenbewegung in den 80ern. Es traut sich niemand offen zu leben. In den Foren sieht es so aus, wenn ein neuer aufschlägt, der auch nur im Entferntesten daran denkt offen zu seiner Infektion zu stehen wird ihm von der Mehrheit davon abgeraten sich zu outen. Gerade mal den Partner und vielleicht die Familie ein zu weihen ist vielen schon eine Zumutung.

Damit tun wir niemanden einen Gefallen, am wenigsten uns selbst.
Die Zeiten von ActUp sind in Deutschland leider lange vorbei. Wem ist auch noch mit großen Aktionen wie ActUp machte gedient? Es gibt genügend Medikamente und weiter sind in Entwicklung. Die Pläne von Peter Gauweiler HIV+ zu internieren sind vom Tisch. Wozu also noch ActUp? Die Frage haben sich die übriggebliebenen ehemaligen Aktivisten auch gestellt. Und so ist das Ganze im laufe der Jahre eingeschlafen.

Als mögliche Option sehe ich zunächst eine wirksame Medienarbeit. Dazu müssen TV, Radio und Presse eingebunden werden positive Signale zu setzen und nicht nur, wie im Fall Benaissa mit dem Finger auf Positive zu zeigen. Wenn dann die nötige Akzeptanz aufgebaut ist werden sich auch mehr Betroffene dazu aufraffen offener über ihren HIV-Status zu reden. Das können einzelne Aktivisten nicht stemmen, dazu bedarf es einer Einbindung großer Organisationen wie der DAH, BZgA u.a. Wenn ich mich an die lokale Presse wende erreiche ich vielleicht ein paar Tausend Leser, von denen das um realistisch zu sein einige Hundert auch lesen werden. Das dürfen keine kurzlebigen Kampagnen zum WAT sein vielmehr eine langfristig angelegte Reihe wie „Gib Aids keine Chance“ so muss auch dies immer wieder gezeigt werden.

Damals habe ich Rosa von Praunheim verurteilt, weil er hingegangen ist und offen gesagt hat der Alfred Bioleck und Hape Kerkeling sind schwul. Ein solches zwangsouting sollte für mich das einzige Mittel sein um Schwule die sich öffentlich negativ über Schwule äußern selber als solche darzustellen. Aus der heutigen Sicht war das aber wohl der richtige Weg, den Leuten zu zeigen das ihre Idole aus der öffentlichen Welt auch schwul sein können. Inzwischen ist HIV nun auch in den täglichen TV-Soaps zu sehen. Wenn es denn nun gut dargestellt wird ist es ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Zumindest werden einige Dauerkonsumenten solcher Soaps erreicht.
Große Vorbilder aus dem öffentlichen Leben bei HIV fehlen, die meisten sind vor vielen Jahren verstorben. Nadja Benaissa ist, wenn auch inzwischen zwangsgeoutet nicht wirklich ein Vorbild, dazu war der Medienrummel um ihren Prozess zu negativ beladen. Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere Promi HIV+ ist und es bisher erfolgreich verschwiegen hat. Aber wie kann man diese Personengruppe dazu bewegen offen zu Leben?

Übernommen aus Diego62.blog.de – Eingestellt am 6.7.2011

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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