Sex ohne Kondom?

Ich greife das Thema aus verschiedenen Anlässen auf.

Jemand, ich nenne ihn mal Klaus (Namen sind natürlich frei erfunden), der sich sicher ist HIV-negativ zu sein hat mit einem bis dahin unbekannten, Axel, Sex. Er fragt seinen Sexualpartner Axel vorher nach seinem HIV-Status und bekommt als Antwort dass Axel negativ sei. Sie entscheiden sich daher auf ein Kondom zu verzichten und Klaus lässt sich ficken uns auch in sich abspritzen. Solche Absprachen gehören seit Aids zum schwulen Alltag und sind nicht ungewöhnlich. Risikomanagement wird das auch genannt und beruht auf gegenseitigem Vertrauen.

Nach einiger Zeit erfährt Klaus über seinen Aufriss, dass Axel öfter auch ohne Absprache auf das Gummi verzichtet. Ihn plagen nun Zweifel: Was wenn Axel doch positiv war und es ihm nicht gesagt hat? Klaus lässt sich wenige Wochen nach diesem Risikokontakt auf HIV testen. Ein HIV-Antikörper-Test ist aber erst nach 12 Wochen wirklich sicher. Um diese Unsicherheit zu umgehen lässt er auch einen PCR Test – hier wird gezielt nach HI-Viren gesucht – machen. Ein PCR-Test ist bereits nach 2-3 Wochen aussagefähig. Dieser fällt negativ aus. Klaus ist erst einmal beruhigt aber dennoch lässt er nach 8 Wochen nochmal einen Antikörper-Test machen und will auch noch nach 12 Wochen ein sicheres Ergebnis haben.

Nehmen wir mal an Axel hätte die Wahrheit gesagt. Es gibt jetzt einige Möglichkeiten

A)     Axel ist tatsächlich negativ

B)      Axel war zum Zeitpunkt des Tests entweder tatsächlich negativ oder aber ein AK-Test war weil eine Infektion zu Zeitnah am Test war nicht Nachweisbar. Axel war also in der Annahme negativ zu sein, auch wenn er es tatsächlich nicht mehr war.

C)      Axel war zum Zeitpunkt des Tests tatsächlich negativ, hat sich aber danach infiziert.

Im Fall A gäbe es keinen Grund zur Sorge. In den Fällen B und C sind die Sorgen von Klaus begründet. Insbesondere weil kurz nach einer Infektion, also vor der Immunantwort die Virenlast extrem hoch sein kann und das Risiko einen Partner zu infizieren sehr hoch ist.

Die andere Möglichkeit ist Axel hat Klaus über seinen Status nicht die Wahrheit gesagt. Auch hier gibt es verschiedene Szenarien.

A)     Axel ist in einer erfolgreichen Therapie und damit nach EKAF nicht infektiös oder zumindest ist eine Weitergabe sehr unwahrscheinlich.

B)      Axel ist in keiner Therapie aber unter ärztlicher Kontrolle hie ergeben sich verschiedene Varianten die Virenlast ist eher niedrig, moderat oder hoch. Je höher die Virenlast umso höher ist das Risiko die Infektion weiter zu geben. Klaus tut also gut daran sich testen zu lassen.

Eine andere Möglichkeit ist, Axel ist tatsächlich ungetestet. Er weiß also gar nicht wie sein Status tatsächlich ist. Auch in diesem Fall ist ein Test für Klaus angebracht.

Wie sieht die Sachlage rechtlich aus?
Für den Fall, das Axel nicht getestet oder fälschlicherweise von einem negativen Test ausgeht oder sich aber nach dem Test erst infiziert hat trifft ihn rechtlich keine Schuld. Hat er aber ein positivers Testergebnis verschwiegen, so kann er strafrechtlich verfolgt werden. Auch wenn er unter EKAF stand.

Der andere Anlass für diesen Beitrag ist eine Diskussion die derzeit läuft. Es geht darum, dass von einigen Positiven ein Recht auf Sex ohne Kondom gefordert wird.

Es ist jetzt nicht so, dass alle positive unbedingt ohne Kondom Sex haben wollen. Aber wenn ein positiver nach EKAF (fast) nicht infektiös ist, warum soll man ihn dazu zwingen ein Kondom zu verwenden. Voraussetzung muss nach meiner Meinung aber sein, dass ein Partner darüber informiert sein muss und aus freiem Willen ebenfalls auf ein Kondom verzichtet. Das ist nicht ungewöhnlich und wird bei vielen festen Paaren seit Jahren so gehandhabt. HIV trifft ja nun nicht nur schwule sondern auch viele Heterosexuelle mit Kinderwunsch. Nach geltendem Recht macht sich aber der positive Partner strafbar. Daher ist die Forderung nicht unbegründet.

Ich gehe mit der Überlegung einen Schritt weiter. Schätzungen gehen im ungünstigen Fall davon aus, dass 50% der positiven nicht getestet sind. Ungetestete sind aber ein besonderes Risiko was die Weitergabe von HIV angeht. Es sollte also Ziel sein möglichst viel wie möglich zum Test zu bewegen.

A)     Sind die Chancen „gesund“ zu bleiben wesentlich größer wenn man von seiner Infektion weiß und rechtzeitig mit einer Therapie beginnt.

B)      Gehen die meisten die von einer Infektion wissen wesentlich verantwortungsbewusster mit ihrem Staus um.

C)      Unter einer erfolgreichen Therapie ist man halt (fast) nicht mehr infektiös und auch der Sex ohne Kondom ist für einen Partner erheblich sicherer.

Warum aber lassen sich diese Leute nicht testen? Und damit kommen wir zu den nächsten Punkten den die Positiven fordern. Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung müssen bekämpft werden.

Erst in diesem Sommer wurde ein HIV-postiver Chemielaborant mit dem Grund entlassen weil er HIV hat. Ein eindeutiger Fall von Diskriminierung. Das Arbeitsgericht hat dabei zugunsten des Arbeitgebers entschieden. Ein weiterer Fall von Diskriminierung. Wozu haben wir ein AGG, wenn chronisch Kranke darin nicht berücksichtigt werden?
HIV+ werden aber nicht nur am Arbeitsplatz diskriminiert. In der schwulen Szene (geschätzt werden 10-12% positive) weiß man von der einst vorhandenen Solidarität nicht mehr viel. Positive werden Ausgegrenzt. Sobald ein potentieller Partner von einer möglichen Infektion erfährt macht er einen großen Bogen. Wer will es einem positiven also verübeln wenn er seinen Staus lieber verschweigt. Wie hätte Klaus wohl entschieden wenn Axel ihm gesagt hätte er sei positiv? Hätte Axel NOCH erklären können dass er unter EKAF keine Gefahr für Klaus ist?
Bei vielen Versicherungen sieht es für HIV+ nicht besser aus, wenn man denn eine Versicherung die Leben, Rente und Gesundheit betrifft abschließen kann sind diese mit deutlichen Nachteilen belastet.

Das sind nur einige Beispiele mit denen  positive zu kämpfen haben. Um dagegen etwas zu erreichen brauchen wir mehr Aufklärung. Klar mag mancher sagen wir sind doch Aufgeklärt, wozu gibt es in der Schule Sexualkunde? Reicht das um Wissen über HIV zu erlangen? Der Teilzeitblogger hat in seinem Beitrag

http://derteilzeitblogger.wordpress.com/2011/09/08/umfrage-hiv-und-der-gesellschaftliche-ausschluss/

ausgiebig über eine Umfrage berichtet, die Zeigt das noch immer zu viele Menschen zu wenig über HIV wissen. HIV kann man sich nicht holen wenn man einem Positiven die Hand gibt und auch nicht wenn man aus demselben Glas trinkt oder die gleiche Toilette benutzt. Auch nicht wenn man einem Positiven ein Pflaster auf eine Verletzung klebt. Man holt sich kein HIV wenn man mit einem Positiven oralen Sex hat denn kein Sperma in den Mund kommt. Selbst dann ist die Wahrscheinlichkeit da, aber nicht sehr hoch.

Viele Gründe der Ausgrenzung basieren auf der Tatsache dass sehr viele Personen über HIV im Grunde nichts wissen. Ein „Kondome schützen“ reicht nicht. Die Aufklärung über HIV beschränkt sich aber seit Jahrzehnten nur darauf das man sich mit Kondomen schützen kann. Mit solchen Botschaften sieht man über Monate im Jahr riesige Plakatwände tapeziert. Nicht jedoch in welchen Situationen eine Übertragung nicht vorkommen kann. Also brauchen wir mehr Mittel um dieses Wissen zu vermitteln. Wie die Umfrage vom Teilzeitblogger zeigt schein gerade der eigentlich Medizinische informierte Kreis am wenigsten über die Übertragungswege zu wissen. Warum werden Positive sonst gerade im medizinischen Bereich besonders oft Diskriminiert. Zahnärzte und Chirurgen verschieben eine Behandlung gerne aus vorgeschobenen Gründen auf die Randzeiten, also kurz vor Feierabend, wenn sie eine Behandlung nicht gleich ganz verweigern. Auch eine Form der Diskriminierung.

Zurück zum Anfang:
Klaus erwägt eine Klage gegen Axel wenn er ihn infiziert haben sollte weil er ihm seine Infektion verschwiegen haben könnte. Als betroffener kann ich verstehen warum Axel eine Infektion verleugnet haben könnte. Nein nicht ganz, als Positiver muss man damit rechnen von einem Sexualpartner abgewiesen zu werden oder aber zum Gebrauch eines Kondoms gezwungen zu sein, auch wenn man nach EKAF niemanden gefährden kann. Gegen die Abweisung kann man etwas tun, nämlich AUFKLÄREN. Dagegen, wenn ein Partner auf Kondom bestehen mag nichts, diese Entscheidung will ich niemanden abreden. Wenn man als Positiver unbedingt ohne Kondom ficken will muss man sich einen anderen Partner suchen.

Ich will nicht sagen dass ICH keine Kondome verwenden will, im Gegenteil. Kondome schützen auch mich, wenn auch nicht mehr vor HIV so aber doch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten.

Einige Fragen lasse ich aber im Raum:

–          Kann es ein „Recht auf Sex ohne Kondom“ geben wenn der HIV-positive unter Therapie nicht infektiös ist und unter welchen Voraussetzungen?

–          Was kann gegen Diskriminierung aktiv getan werden und wann soll man damit beginnen?

–          Ist eine Benachteiligung HIV-positiver bei Versicherungen in Anbetracht heutiger Therapiemöglichkeiten tolerierbar?

Klaus ist auch in der 8. Woche nach seinem „Risikokontakt“ negativ getestet und die Wahrscheinlichkeit dass er auch in der Woche 12 nach RK negativ ist, ist sehr hoch. Axel braucht sich unter Umständen, egal ob negativ, ungetestet oder positiv, keine Sorgen deswegen machen. Was bleibt, Klaus wird mit Sicherheit in Zukunft mehr auf seinen eigenen Schutz achten. Das ist ihm inzwischen klar, einen wirklichen Schutz kann er nur haben wenn er selber auf ein Kondom besteht und sich nicht auf die Zusage eines Sexualpartners verlässt.

Ich habe dieses Beispiel aufgegriffen. Seit ich als HIV-positiver öffentlich auftreten habe ich einige ähnliche Begebenheiten geschildert bekommen. Ich will nichts schön reden, ich will auch niemanden Verurteilen. Ich will vielmehr zum Nachdenken anregen.

 

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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4 Antworten zu Sex ohne Kondom?

  1. Caro schreibt:

    Hallo Diego, ich bin eine HIV positive Frau, lebe in einer Großstadt in Bayern und bin alleinerziehend mit zwei Töchtern. Infiziert habe ich mit bei ungeschütztem Verkehr mit einem Afrikaner. Ich habe viele meiner Freunde und meine Tochter informiert. Mein Lebenspartner weiß allerdings nichts von meiner Infektion. Er würde durchdrehen und Aufklärung ist bei ihm als Nigerianer völlig ausgeschlossen. Dort sterben die Leute daran wie die Fliegen… Ich kann deine Forderungen nur unterschreiben und wünschte, ich könnte auch öffentlich dazu stehen. Das geht aber auf keinen Fall, wir würden alle darunter leiden. Da liegt die Crux, ohne Outing keine Aufklärung… Wenigstens meine engsten Freunde waren bereit, sich zu informieren. Ein kleiner Schritt ist getan. Auch ich bin als Letzte um 17.00 nachmittags operiert worden und isoliert in einem abgelegenen Zimmer untergebracht worden. Meine Hautärztin weigerte sich, mich überhaupt anzufassen als ich wegen Herpes bei ihr war. Ganz abgesehen von den täglichen Unwissenheiten, die man im Umgang mit den Mitmenschen zu zu hören bekommt ohne was dazu sagen zu können. Es muss noch sehr viel getan werden um die Stigmatisierung und Tabuisierung aufzuheben. Ich würde gerne mehr tun aber ich habe Angst.

    • Diego62 schreibt:

      Danke Caro für deinen Kommentar.
      Ich verstehe es schon wenn sich jemnd nicht outen kann oder will. Jeder hat seine Gründe für das was er tut und darüber will ich mich nicht streiten.
      Ein Hautarzt der dich wegen Herpes so behandelt wie du es erlebt hast gehört von der Liste der behandelnden Ärzte gestrichen eventuell kannst du darüber nachdenken diesen Arzt bei der Ärztekammer zu melden. Frag mal deinen SPA welchen Hautarzt er empfehlen kann. Viele HIV-Behandler haben eine Liste von Ärzten mit denen sie gut zusammenarbeiten und die auch kein Problem damit haben HIV-Positive zu behandeln. Klar darf ein Arzt keine Empfehlung aussprechen, aber wenn du fragst…
      Zu deiner OP, leider ist es gängige Praxis bei vielen geplanten OP’s Träger von Infektionskrankheiten (dazu gehört HIV eben auch) in die Randzeiten zu verlegen. Das hat mit der Hygiene zu tun. Leider ist bei vielen noch nicht angekommen, das eine einfache Desinfektion völlig ausreicht. Ich meine das nicht die ganze Praxis von oben bis unten gründlich sterilisiert werden muss, wovon leider noch viele Praxen ausgehen. Entsprechende Empfehlungen wurden zwar schon vor langem rausgegeben sind aber leider noch lange nicht überall in der Praxis realisiert.

      • Caro schreibt:

        Hallo Diego, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, ich habe inzwischen einen Kontakt über meine Praxis bekommen aber es ist schon traurig, dass sowas überhaupt notwendig ist. Wie auch immer, man kann die Welt nicht an einem Tag ändern….
        Guten Rutsch!
        Caro

      • Diego62 schreibt:

        Auch dir ein frohes Neues Jahr.

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