Gedanken zum Welt-Aids-Tag

Seit 30 Jahren ist Aids bekannt. Seit 30 Jahren führen wir einen weltweiten Krieg gegen eine Krankheit, von der man die ersten Jahre nur auf der Verlierer stand.

Vor 15 Jahren, aus heutiger Sicht also zu Halbzeit, begann man mit Kombinationstherapien diesen Krieg zugunsten der Patienten zu wenden. Heute ist Aids zwar noch nicht ganz besiegt, aber wir sind auf einem guten Weg. Dennoch sterben jährlich noch tausende an Aids. Das sind in Europa verhältnismäßig wenige wenn man da global betrachtet, aber immer noch zu viele.

Besonders die ärmeren Länder, können es sich nicht leisten alle Patienten lückenlos zu behandeln. Sicher gibt es internationale Vereinbarungen im Kampf gegen Aids, aber die Gelder die da fließen sind bei weitem noch nicht ausreichend.

Aber auch hierzulande sterben jedes Jahr noch immer zu viele Menschen an Aids. Das muss nicht sein. Der größte Teil derjenigen, die bei uns heute an Aids sterben wurden viel zu spät getestet um sie noch ausreichend behandeln zu können. Wer rechtzeitig behandelt wird kann heute in den meisten Fällen fast normal leben.

Wie in jeden Jahr hat das Robert-Koch-Institut (RKI) auch jetzt wieder seine neuen Zahlen zu HIV uns Aids bekannt gegeben. Alle Zahlen sind Schätzwerte-

In Deutschland leben zurzeit 73.000 HIV+ (61.500 Männer 11.500 Frauen rd. 200 Kinder). Anders aufgeschlüsselt

Übertragungsweg HIV+ Anteil
MSM (1) 45.000 61,6 %
Hetero Sex 11.000 15,1 %
i.V. Drogengebrauch 8.600 11,8 %
Pers. Aus Risikoregionen 7.800 10,7 %
Bluter u. Blutspendenempfänger 450 0,6 %
Mutter-Kind Übertragung 420 0,6 %
Summe 73.000

Das interessante an den neuen Zahlen ist, dass das RKI zum ersten Mal die Zahlen nach dem Alter der Infektion aufgeschlüsselt hat. Bemerkenswert daran ist, dass die Neuinfektionen bei Schwulen/Bisexuellen Männern deutlich zurückgehen. Die Kampagnen von Ich-Weiß-Was-Ich-Tu (IWWIT) waren also erfolgreich. Was auch auf die HIV-Testwochen zu trifft. Es lassen sich mehr Personen testen.

Aber noch immer werden viele von einem Test abgeschreckt. Die Gründe sind Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung. Die Bekämpfung dieser Gründe sich nicht testen zu lassen sollte ganz oben auf der Agenda der Gesundheitspolitik stehen, wir aber noch immer vernachlässigt. Positive werden auch jetzt noch immer bei Versicherungen benachteiligt, auch wenn die Lebenserwartung der eines gesunden entspricht sind Versicherungen die Leib und Leben betreffen wenn überhaupt nur mit deutlichen Nachteilen machbar. Noch immer sind Kündigungen wegen HIV legitim… Diese Liste ließe sich jetzt beliebig fortsetzen. Grund genug für viele keinen HIV-Test zu machen.

Verlauf der Neudiagnosen in Deutschland

Das  Infektionsrate im mittleren Diagnosefenster stagniert demnach seit einigen Jahren.  Bedenklich ist, das die späten Diagnosen im Verhältnis zugenommen haben. Das bedeutet, dass immer mehr Personen erst dann einen HIV-Test haben, wenn das Immunsystem bereits stark geschädigt ist. Das muss nicht sein. Die Politik könnte, wenn sie denn nur wollte, hier viel bewirken.

Zu einem muss das Antidikriminierungsgesetz (Allgemeine Gleichstellungs Gesetz / AGG) ergänzt werden, damit HIV positive nicht weil sie Positiv sind benachteiligt werden (z.B. durch Kündigungen) können. Die Rechtsprechung muss endlich an die Ergebnisse der EKAF-Studie angepasst werden. Versicherungen, Ärzte besonders Zahnärzte

In der Aids-Aufklärung wird immer nur gesagt dass man sich mit Kondomen schützen kann, wann aber wird mal gesagt wie man sich nicht infizieren kann? Z.B. durch normale soziale Kontakte, oder wenn man mit positiven zusammen arbeitet, Das wir keine Gefahr für folgende Patienten beim Zahnarzt sind und und und…

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Ich denke ein wirklich wichtiger Tag für alle Betroffenen und deren Angehörige. Ein Tag an dem man besonders auch an die verstorbnen Freunde denken. Alle Welt zeigt plötzlich wie Solidarisch man sein kann und ein paar Tage später, … ein paar Tage später haben die meisten alles vergessen.

Solidarität mit HIV-Positiven und Aids-Kranken wird das ganze Jahr über benötigt, also auch die übrigen 364 Tage des Jahres. Ein HIV-Positiver hat das ganze Jahr HIV und leidet an den Nebenwirkungen. Nicht nur der, der Medikamente sondern auch an Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung, aber auch an Coinfektionen.

Am 1. Dezember zum Welt-Aids-Tag werde ich wie fast jedes Jahr in die Frankfurter Paulskirche gehen. Die Gedenkfeier trägt dieses Jahr den Titel: „Gesundheit, lebenslänglich!“ In der Einladung ist folgendes zu lesen:

„Gesundheit ist in unserer Gesellschaft ein hohes – wenn nicht das höchste – Gut geworden. Auch Menschen mit HIV und AIDS profitieren seit Jahren von den Erfolgen in Medizin und Forschung. Das ist ein Segen! Doch wenn Gesundheit zu einem Fetisch wird, hat das negative Folgen. Menschen, die unter (chronischen) Krankheiten leiden, geraten an den Rand der Gesellschaft. Der Aufruf, gesund zu leben, wird von einer lebensbejahenden Einladung zu einer moralischen Forderung, die nicht nur – aus finanziellen Gründen – von den Krankenkassen erhoben wird. Wer sich nicht „gesund hält“ und „alles für seine Gesundheit“ tut, ist selber schuld und muss die Folgen selber tragen, heißt es immer öfter in öffentlichen und privaten Diskussionen. Dieser Vorwurf trifft nicht zuletzt Menschen mit einer HIV-Infektion. Angesichts dieses wachsenden gesellschaftlichen Drucks ist jeder Einzelne aufgefordert, für sich selbst zu bestimmen, was ein „gesundes Leben“ ist und was er für ein so verstandenes gesundes Leben zu tun bereit ist. Nicht zuletzt heißt es für Menschen mit chronischen Krankheiten, also auch für von HIV und AIDS Betroffene, auf eine gute, ihnen angemessene und somit „gesunde“ Weise mit ihrer Krankheit zu leben. „

Auf der Rednerliste stehen:

Annette Haberl, Ärztin, HIV-Center Frankfurt
Dagmar Müller, Evangelisches Hospiz Frankfurt, Geschäftsführung
Werner Bartens, Leitender Wissenschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung und Autor des Ärztehasserbuches
Carsten Schatz, Deutsche AIDS-Hilfe, Vorstandsmitglied

Begrüßung: Christian Setzepfandt, Vorstandsmitglied der AIDS-Hilfe Frankfurt
Grußwort: Stefan Majer, Stadtrat, für den magistrat der Stadt Frankfurt

Für die Musik sorgt Patty Moon.

Im Anschluss zieht ein Trauermarsch durch Frankfurt.

1. Dezember 18:00 in der Paulskirche

Quellen: http://www.rki.de/cln_117/nn_196014/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2011/46__11,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/46_11.pdf

http://www.frankfurt-aidshilfe.de/geschaeftsstelle/mitteilungen/wat-2010/paulskirche

 

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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Eine Antwort zu Gedanken zum Welt-Aids-Tag

  1. Timo schreibt:

    Bin gerade eben das erste mal auf den Blog gekommen. Gefaellt mir ziemlich gut.

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