Welt-Aids-Tag Nachlese

Der Welt-Aids-Tag 2011 ist gewesen. Was bleibt?

Das Thema des Abends war in der Frankfurter Paulskirche war: “Gesundheit, Lebenslänglich!“

In der Einleitung sagte Christian Setzephandt von der Frankfurter Aids-Hilfe: „Gesundheit ist in unserer Gesellschaft ein hohes Gut!“ und „Gesundheit wird zum Gesellschaftlichen Diktat.“

Gesundheit wird zur Pflicht. Man muss sich Gesunderhalten, mit allen Mitteln die zur Verfügung stehen. Wer sich nicht um seine Gesundheit bemüht, passt nicht in diese Gesellschaft, ist automatisch krank. Was aber bedeutet dann Kranksein oder gar chronisch Kranksein in dieser Gesellschaft?

AIDS und HIV leiden an einem Bedeutungsverlust, so Dr. Werner Bartens er vergleicht Krankheiten mit Sternen der Restaurantkritiker. Von einer einst 5 Sternekrankheit ist HIV zu einer 1 Sternekrankheit herunter gekommen. Während Burnout 3 Sterne erhält. Haben sich einst die Medien überschlagen ständig neue Horrorszenarien zu bringen liest man heute mal eben zum Welt-Aids-Tag etwas in der Presse. Noch immer sterben weltweit jährlich 2 Millionen Menschen an den Folgen von Aids aber in Deutschland interessiert sich für dieses Leiden kaum jemand. Warum auch? Uns geht es doch gut.

„Aids-Kranke brauchen mehr, als Prominente die sich 1 mal im Jahr eine Rote-Schleife ans Revers binden“ so Bartens. Eine eintägige Solidaritätsbekennung gleicht einer schlechten Ausrede, einmal im Jahr zu zeigen wie Betroffen man doch sein kann ist ein eine Phrase. „Aids-Kranke und HIV-Positive brauchen Unterstützung auch wenn nicht Welt-Aids-Tag ist.“ Diese Worte habe ich bereits anders formuliert in einem meiner früheren Beiträge gesagt und ich unterschreibe sie. Ich und viele Millionen andere sind nicht nur am Welt-Aids-Tag betroffen sondern auch die anderen 364 Tage des Jahres. Ständig wird irgendwo ein Positiver Stigmatisiert, Ausgegrenzt oder Diskriminiert. Nicht nur von Leuten die es einfach nicht besser wissen, nein auch von Ärzten und medizinischem Personal.

Wie viel Leben ist mit HIV machbar? 1/3 der Infizierten kennen ihre Diagnose nicht. So die Einschätzung von Frau Dr. Anette Haberl von HIV-Center Frankfurt. Sehr viele, zu viele erhalten ihre Diagnose erst wenn durch Vollbild-Aids keine andere Wahl mehr besteht. Sie stellt in Frage ob eine Selbstbestimmung für einen HIV-Test sinnvoll ist. Oder wäre es besser dass der Arzt bei einem Verdacht auf HIV Testen darf? Was sind die Folgen. Was muss geschehen das ein positiver HIV-Test nicht Persönlichen, Wirtschaftlichen und Gesellschaftlichen Nachteilen gereicht? Es gibt ein Recht auf Testung, aber auch ein Recht auf Nichtinformation, ein Recht eine Therapie abzulehnen.

Frühzeitig erkannt und Therapiert verspricht eine fast normale Lebenserwartungen. Erfolgreich Therapiert senkt das Übertragungsrisiko um 96%. Warum also nicht früh testen und sofort Therapieren, wäre das doch ein interessanter Schritt in die HIV Prävention? Vergessen wird aber bei diesen Argumenten gerne, dass die Medikamente ein Leben lang genommen werden müssen. Ein heute 20 Jähriger muss die Medikamente unter Umständen 60 Jahre nehmen. Wie sieht es mit Langzeitnebenwirkungen aus, wie mit der Therapiebereitschaft ohne die eine Erfolgreiche Therapie nicht machbar ist? Frau Haberl bringt hier gewichtige Argumente zur Diskussion über die Nachzudenken es sich lohnt. „Wir behandeln Menschen, keine Viruslast.“

Frau Haberl zitiert eine Einstellung: HIV-positive kann man heute gut behandeln, sie benötigen unser Mitgefühl heute nicht mehr! Ist dies wirklich so? Stellt sie die Frage und antwortetet darauf mit den Worten, das HIV wohl behandelbar sei, aber der Medizinische Fortschritt in der Allgemeinheit nicht angekommen ist.

Carsten Schatz, Vorstand der Deutschen-Aids-Hilfe zitierte nach seiner Einleitung aus der Ottawa Charta von 1986 und geht dann in seinem Redebeitrag näher darauf ein.

Gesundheitsförderung

Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, daß sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheitsförderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor sondern bei allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Lebensweisen hinaus auf die Förderung von umfassendem Wohlbefinden hin.

Er stellt heraus, dass Gesundheit ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist. Gesundheit betrifft das gesamte Spektrum aus körperlichen, seelischen und sozialen Beziehungen. Solidarität ist Bedingungslos. Solidarität muss täglich neu eingefordert werden.

Er moniert, dass die Kampagnen (wie die diesjährige „HIV POSITIV & …“ mit verschiedenen Motiven und Aussagen) zur Solidarität die vom Gesundheitsministerium so wie der BzGA immer nur um den Weltaidstag gemacht werden. Die Kampagne selber ist ja gut und wichtig, aber eben zu wenig um in den Köpfen der Bevölkerung zu landen.

Weiter habe ich leider keine Notizen gemacht. Manchmal ist es schwierig zuzuhören und sich Notizen zum gesagten zu machen ohne wesentliche weitere Aussagen zu verpassen.

Zum Abschluss des Abends sprach Frau Dr. Dagmar Müller vom Evangelischen Hospiz Frankfurt über die Menschenwürde beim Sterben. Ich werde aber nicht näher auf diesen Beitrag eingehen.

Wie jedes Jahr Endete die Veranstaltung mit einem Trauerzug von der Paulskirche über die Zeil zum Aids-Memorial auf dem Paulkirchhof. Dort werden zum Gedenken an die Verstorbenen Rosen niedergelegt und die Namen der im letzten Jahr gestorbenen verlesen. Für jeden Toten wird eine Kerze aufgestellt und manchmal auch ein Bronzenagel in die Mauer geschlagen.  Wie jedes mal ist das ein sehr ergreifender Moment.

Gesundheit, Lebenslänglich!

Wäre schön, und wer wollte nicht immer Gesund sein? Und doch bleibt es ewige Utopie. Machen wir das Beste aus unseren Leben, auch wenn es uns durch welche Krankheit auch immer an Gesundheit mangelt.

in Erinnerung an alle an Aids gestorbenen Freunde…

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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2 Antworten zu Welt-Aids-Tag Nachlese

  1. Ernst schreibt:

    Schön was Du hier machst.
    Übrigens ich bin der Botschafter Ernst 🙂
    Einige Anmerkungen, die Du wissen solltest. Ich hatte Vollbild AIDS und bin gesundheitlich wieder so hergestellt, daß ich auch wieder arbeite. Mit der heutigen Medizin bekommt man AIDS schon jetzt gut in den Griff. Das ist auch meine Botschaft bei HIV-positiv und Überleben. Im Zuge der Kampagne habe ich erfahren, daß ein HIV-positiv geborenes Mädchen heute Mutter eines gesunden Kindes ist, daß mein Mitbotschafter ebenfalls Vater wird und dass es viele Menschen gibt, denen es so gegangen ist wie mir – da gibt es auch auch einen, der leider blind wurde, aber heute auch wieder arbeitet, in einem Beruf für Blinde. Am Welt-AIDS Tag habe ich vor fünf Schulklassen gestanden und ihnen erklärt, wie ich das so sehe, das Leben, den Umgang mit Krankheit und Tod und habe die Fragen der Schüler geduldig beantwortet. Ich stand da ganz alleine, nur ab und zu, da ich ja etwas schlechter höre, hat man mir die Fragen wiederholt.
    Plötzlich sprang der Funke über und wir redeten voller Realismus über die Gefahren des Lebens, von denen eine eben HIV ist und was man dann eben tun kann. Die Aufmerksamkeit wuchs, HIV positiv und Schwangerschaft war ein wichtiges Thema, doch letztlich konnte ich alle Themen abhandeln, Dinge von denen Du ja auch schreibst und an Ende erhielt ich zu meiner Überraschung Applaus. Gestern hat mich ein Handwerksmeister darauf angesprochen, in dem Haus, das ich gerade baue, ob ich das bin auf dem Plakat und ich sagte ihm: „Ja, jetzt wissen Sie, warum ich 2008 so krank war“. Jetzt weiß er es und er weiß auch AIDS ist behandelbar, ist ohne Behandlung tödlich aber mit Behandlung? Ich stand vor Ihm.
    Was motiviert mich?
    Ich will Menschen einfach sagen, daß AIDS eine behandelbare Viruserkrankung ist, noch nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar, daß HIV-positive Frauen mit einer Behandlung gesunde Kinder bekommen können, daß wir leben, arbeiten und voller Hoffnung sind und daß ein HIV-positiver Mensch nicht zu spät zu den Ärzten gehen soll, die sich wirklich mit AIDS auskennen.
    Bei mir wäre es fast zu spät gewesen und da draussen sind viele, die das wissen sollten.
    Frohe Weihnachten noch Dirk
    Und lies mal Susan Sontag -Krankheit als Metapher – Aids und seine Metaphern.
    Ach ja mein Buch gibt es auch noch „Salvatores Traum“ – das sollte man übrigens nach der Lektüre von Susan Sontag lesen, dann macht es richtig Spass, das mal als Tip :-))

    • Diego62 schreibt:

      Hallo Ernst,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Es tut immer wieder gut zu höhren oder lesen, das es Menschen gibt die Aids dank der heutigen Medizin überlebt haben. Und es tut auch gut zu wissen das es viele gibt die auch offen mit ihrer Krankheit umgehen können wie du und die anderen Betroffenen in der letzten Plakatkampagne. Es erfreut mich das Leute die offen zu ihrem Virus stehen doch auch vielfach positive Reaktionen erhalten und das bestärkt mich in meinen Gedanken, das ein offenes Leben mit HIV auch Vorteile bringen kann. Das die Ängste meines Mannes nicht unbeding begründet sind.

      Ich selber habe kein Problem damit an solchen Kampagnen dabei zu sein, nur mein Mann will das nicht und da muss ich Rücksicht drauf nehmen. So blogge ich halt, das sehe ich als Kompromiss zwischen ganz offenem Leben mit HIV und der Angst vor einem Outing meines Mannes. Wenn jemand aus dem Freundeskreis oder aus dem Dorf in dem ich lebe auf meinen Blog stößt, dann ist das eben so.

      Liebe Grüße
      Diego

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