Erinnerungen an eine Liebe

Ich forsch nach alten Freunden. Freunden die HIV hatten als ich sie kennen lernte. Darunter ist Patrick. Ich gebe seinen Namen bei Google ein und finde einen Nachruf aus dem Jahr 2003. Erst überlege ich, kann er es sein? Dann lese ich, das Alter passt, der Geburtsort ist der gleiche, er muss es sein.

Ja er war schwul, so wie ich. Er war lieber passiv, ich war sowohl aktiv als auch passiv, wollte und genoss beides. Für ihn war ich wohl zu passiv. Wie gerne hätte ich mit ihm beide Seiten richtig ausgelebt.

Wir lernten uns Ende März 1996 in Frankfurt kennen. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, weil ich gerade Geburtstag hatte. Ich kam zu einem Freundschaftstreffen zwischen zwei Lederclubs in Hannover und Frankfurt. Am zweiten Abend gingen Patrick und ich in seine Wohnung und wir hatten richtig geilen Sex. Daraus entstand so etwas wie eine Liebe, wir trafen und alle paar Wochen mal in Frankfurt, mal in Hannover, fuhren gemeinsam mit dem Motorrad. Plötzlich war das Rhein-Main-Gebiet schön und ich plante Hannover zu verlassen. Er ließ sich ein Tattoo stechen, einen Lindwurm der sich über seinen Rücken, über die Schulter Richtung Brust schlängelt. Zunächst nur die Konturen. Bei meinem ersten CSD in Frankfurt, da hatte er sich bereits von mir getrennt, konnte ich das vollendete Werk betrachten.

Nach einigen Monaten, ich glaube es war ende Juni,  wollte sich Patrick von mir trennen. Warum erfuhr ich erst später durch einen gemeinsamen guten Freund danach. Patrick war HIV-positiv und wollte lieber ohne Gummi ficken – was wir in der Zeit, die wir zusammen waren nie weg ließen. Diese Trennung hat mir echt wehgetan. Was mir aber am meisten geschmerzt hat war, das Patrick nicht den Mut aufgebracht hat über seinen Status zu reden, das er mir nicht vertraut hat. Er war nicht der erste Mann den ich kennen gelernt hatte der HIV hatte, was damals aber durchaus denkbar war. Aber woher sollte er das auch wissen?

Dass er positiv sein könne habe ich bereits am Anfang dieser Beziehung vermutet. Er zeigte mir bei unserem zweiten Treffen das Switch-Board in Frankfurt, eine Bar der Frankfurter Aids-Hilfe wo er öfter hin ging. Er erzählte mir von diesem Lokal mit so viel Liebe, dass ich einfach eine Verbindung vermuten musste. Ich dachte damals noch: „Du auch!“

Es eben üblich Safer Sex zu machen nur um sich selber zu schützen, daher habe ich mir auch nie Gedankendarüber gemacht dass Patrick immer ein Kondom verwenden wollte wenn wir gemeinsam Sex hatten. Das er mir nicht dauerhaft treu war, war mir völlig klar und habe es auch nie erwartet. Warum auch wenn man sich nur alle paar Wochen mal sieht. Wir waren jung und Sexuell aktiv. Ich war mir des Risikos einen Positiven zu lieben damals voll bewusst. Habe ich doch in meiner Zeit in Hannover mit genügend Leuten Sex gehabt denen ich später im damaligen HOME-ZENTRUM in dem ich im Vorstand war, in der Positiven-Gruppe (zu denen ich als Vorstand Kontakt suchte um gemeinsame Aktionen zu planen) später begegnet bin oder von denen ich vorher wusste das sie es sind. Davon konnte Patrick nichts wissen.

Zu seinem 30sten Geburtstag brachte ich im 30 rote Rosen, um ihm zu Zeigen dass ich ihn trotz allem liebte.

Auch trotz der Trennung bin ich ihm heute dankbar. Ohne ihn und seine Trennung von mir hätte ich meinen jetzigen Mann – wenn auch Monate später – nicht kennen gelernt.

Heute gebe ich Patricks Namen bei Google ein und finde einen Nachruf aus dem Jahr 2003 aus Berlin. Ein Bericht über seine Beerdigung.  Fast 16 Jahre nach dem ich ihn kennen lernen durfte, 9 Jahre nach seinem Tod. 13 Jahre nach dem ich Patrick kennen lernte erhielt ich meine positive Diagnose. Wenn man die üblichen Statistiken zu Grunde legt, war er es nicht bei dem ich mich angesteckt habe.

Es macht mich traurig von seinem Tod zu lesen auch wenn es erst viele Jahre später ist.

Adieu Patrick, es war eine schöne, viel zu kurze Zeit mit Dir. Schade, dass du dies nicht mehr lesen kannst.

Ich hoffe, dass ich die hier Posthum veröffentlich darf:

http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrufe/patrick-noe-geb-1966/1476606.html

Advertisements

Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
Dieser Beitrag wurde unter HIV abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Erinnerungen an eine Liebe

  1. Ulli schreibt:

    eine internetsuche, kein schöner weg, vom tod eines freundes zu erfahren, und nach jahren. eine erfahrung (eine mehr …), die wohl viele schwule männer einer generation teilen.

    ps – ich vermute mit „alter friedhof schöneberg“ ist der alte st. matthäus kirchhof gemeint? – dann hat er sich eine der m.e. schönsten möglichkeiten die berlin bietet ausgesucht …

    • Diego62 schreibt:

      Es ist traurig auf diesem Weg vom Ableben eines Menschen, den man mal geliebt hat, zu erfahren. Es gibt die unabänderbare Gewissheit ihn nicht mehr sehen zu können. Nachdem ich von Hannover nach Frankfurt umgezugen bin, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Nicht im Switch-Board wo er gerne hin ging, auf keinem CSD oder WAT und wo man als schwuler Mann sonst so hin geht. Jetzt weiß ich warum.

  2. postagebuch schreibt:

    Ein Rückblick in Deine Vergangenheit. Das kann weh tun und traurig machen.
    Wir sollen aber auch mit der gleichen Energie in die Zukunft schauen. Dazu habe ich einen Blogartikel geschrieben, den ich dir mitschicke. Es würde mich freuen, wenn Du ihn liest. Viele Grüsse vom postagebuch-Blogger

    https://postagebuch.wordpress.com/2012/01/22/wie-ich-gluecklich-in-die-zukunft-blicke/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s