Die Farben der Trauer

Das letzte Hemd ist bunt –
Die neue Freiheit in der Sterbekultur
Referent: Fritz Roth, Autor, Bestatter und Trauerpädagoge, Bergisch-Gladbach

Ein Vortrag aus der Reihe „Frankturter Vorträge“ von der Aids-Hilfe Frankfurt.

Das Thema wirft zunächst Fragen auf:

Diese werde ich sicherlich beantwortet bekommen. Mit dieser Erwartung höre ich mir diesen Vortrag an.

Fritz Roth hat vieles getroffen, was ich mir unter wirklicher Trauer vorstelle. Er kritisiert das von oben verordnete Trauern, das erklären wie jemand trauern soll, darf oder muss. Die Reglementierung durch Kliniken, Bestatter und deutschem Recht. Dies alles kann ich sehr gut verstehen.

Ich habe selber 12 Jahre als Friedhofsgärtner in Hannover gearbeitet, habe erlebt wie Trauerfeiern im Halbstundentakt abgearbeitet werden. Habe erlebt wie die Totengräber ungeduldig auf die Trauernden warten um endlich die Kuhle wieder zu zu kriegen. Ich verstehe wie man dieses Fließbandtrauern verurteilen kann, ja muss.

„Lasst euch eure Toten nicht stehlen!“ sagt er und meint damit sich die Zeit die man braucht um von einem geliebten Verstorbenen Abschied zu nehmen können. Sterben ist heute entartet, es wir in Kliniken gestorben und kaum ist jemand Tod wird er in irgendeine Kühlkammer verfrachtet wo erbleibt bis ein Bestatter den Leichnam abholt. Sterben ist steril geworden, der Angehörige findet keine Ruhe, hat keine Zeit Abschied zu nehmen. Man nimmt ihm den Verstorbenen, enthält ihm einen einst geliebten Menschen.

In der hessischen „Verordnung über das Leichenwesen“ heißt es:

§ 8 Bestattungsfristen

(1)   Leichen sind frühestens 48 Stunden und nicht später als 96 Stunden nach dem Eintritt des Todes zu bestatten…“

Wo bleibt die Zeit sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden? Welche Rücksicht wird bei diesem Recht auf die Hinterbliebenen genommen?

„Carpe diem“ heißt wörtlich übersetzt: ‚pflücke den Tag‘ und nicht wie es immer wieder falsch interpretiert wird ‚nutze den Tag‘. Ja pflücken wir den Tag und genießen wir ihn. Er vergleicht Trauer mit Liebe, und er hat verdammt viel recht, Trauer hat sehr viel mit Liebe zu tun. Würden wir um einen Menschen trauern den wir nicht geliebt haben? So wie wir eine Liebe genießen so müssen wir auch der Trauer Zeit geben.

In Trauerfeier steckt das Wort ‚Feier‘. Darum soll man eine Trauerfeier auch entsprechend angehen. Dazu gehört auch Zeit, beieinander sein sich von einem Menschen den man geliebt hat zu verabschieden. Die Hektik in den Trauerhallen: Psalm singen, kurze Trauerrede, noch ein Psalm singen und Gebet und alles in 30 Minuten. Das ist laut Roth keine ‚Feier‘.

Ich habe einige Trauerfeiern auch als Trauergast kennen gelernt. Die schönste Trauon erfeier war die von Champion Jack Dupree, ein Bluesmusiker der 1992 in Hannover verstarb. Eine Trauerfeier die auch Feier genannt werden durfte. Gute Freunde und Familienangehörige sprachen über Jack an seinem Sarg, eine Blueskapelle spielte seine Musik und alles ohne die auf dem Seelhorsterfriedhof sonst übliche Hektik.

Die Übliche Hektik sieht auf großen Friedhöfen für gewöhnlich so aus: Sarg in die Trauerhalle, Kränze und Blumenschmuck arrangieren 30 Minuten Trauerfeier Sarg raus entweder zur Erdbestattung oder zum Kremieren. Warum haben wir es verlernt dem Tod ein Gesicht zu geben? Warum können wir einen Toten nicht in einer gewohnten Umgebung aufbahren um in Ruhe von ihm Abschied zu nehmen?

Fritz Roth gibt den Tipp den Namen  eines Verstorbenen auf ein Blattpapier zu schreiben dazu ein Bild zu malen. Ein Bild dass man mit dem man denn Verstorbenen verbindet und sich dafür Zeit lässt. Seine Gefühle mit hinein bringt und wenn man dann fertig ist dieses Bild betrachtet und in der Mitte zerreißt. Auf dass dann zerrissene Papier dann seine Gefühle schreibt die man in dem Moment hatte.

Die Farbe der Trauer, so Roth, muss nicht schwarz sein. Trauer kann bunt sein, Trauer ist auch farbig. Trauerfeiern sind für die Hinterbliebenen und nicht für den Toten.

Ich hatte das Vergnügen den inzwischen verstorbenen „Napoleon Seyfahrt“ kennen lernen zu dürfen. Napoleon hatte Aids. Als ich ihn kennen lernte war er dabei seine Beerdigung zu planen. Ein Sarg war gekauft und stand in seinem Schlafzimmer, darin bewahrte er einiges auf. Er plante wen er bei seiner Beerdigung dabei haben wollte und wie er sich sein Grab und den Grabstein vorstellte. Er wollte eine Feier mit Freunden. Viele hielten ihn deswegen für völlig versponnen, ich habe ihn sehr gut verstanden. Es sollte sein letztes großes Fest werden.

Nach dem ich den Traueralltag auf einem der großen Friedhöfe dieses Staates kennen lernen musste, habe ich mir schon bevor ich Napoleon kennen lernte ähnliches für mein Ableben vorgestellt. Ich wünschte mir einen Sektempfang am offenen Grab und jeder sollte das sagen dürfen was er empfindet, wie er mich kennen gelernt hat. Dabei muss egal sein ob es ernste oder auch heitere Erlebnisse waren.

Der Vortrag war trotz seiner Länge nie langweilig. Fritz Roth ist ein begnadeter Redner, der völlig frei spricht und es vermag einen vom ersten bis zum letzten Word in seinen Bann zu ziehen.

Fritz Roth hat ein Buch unter dem Titel: „Das letzte Hemd ist bunt“ veröffentlicht.
Campus Verlag
ISBN 13: 978-3593394763

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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