Gedankengänge über die HIV-Therapie

Es gibt immer wieder Gedanken die mir durch den Kopf gehen.
Immer wieder frage ich mich: Wie würde es mir heute gehen, wenn es keine wirksamen Medikamente gegen HIV gäbe? Vor fast 2 Jahren hatte ich noch etwas über 200 CD4-Zellen, unter dem Wert wird es kritisch. Dann fangen die ersten großen gesundheitlichen Störungen wie Lungenentzündung an. Später kommen noch andere Erkrankungen wie Toxoplasmose oder Karposi u.a. dazu, bis der Körper so geschwächt ist, dass er einfach keine Kraft mehr hat. Wo stände ich heute? Würde ich jetzt einfach nur vor mich hin vegetieren, mich von einem Krankenhausaufenthalt zum anderen schleppen oder hätte ich das ganze bereits hinter mir?
Schon bevor 1987 die Kampagne „Gib AIDS keine Chance“ startete war ich über Safer Sex informiert und habe es auch mit vielen anderen Schwulen Kommuniziert. Ich erinnere mich an Abende bei denen wir über Safer-Sex diskutiert haben, an denen wir Safer-Sex gepredigt haben. Ich erinnere mich das „Jerk-Off-Parties“ veranstaltet wurden (Abenden in denen Schwule Männer im Kreis standen und man sich gegenseitig onaniert hat) um sich bloß nicht mit diesem scheiß „Aids“ an zu stecken.
Was nutzt es Safer-Sex zu predigen, wenn man es nicht selber Konsequent lebt? Sicher außerhalb einer Beziehung habe ich nach den Safer-Sex Regeln gelebt, aber wenn ich länger mit einem Mann zusammen war wurde das Gummi auch ohne Test irgendwann weggelassen. Man wollte schließlich gerne glauben dass eine Beziehung ewig dauert. Dann kommen auch mal Momente, in denen man aus purer Geilheit nicht an Safer-Sex denkt. Gründe dafür gibt es zahlreiche. Sie gehen von „kein Kondom dabei“ bis viel zu betrunken oder anderweitig zu gedröhnt um an die Gefahr zu denken.
Das ist lange her. Viele meiner frühen Freunde, dabei meine ich nicht unbedingt Partner, hatten nicht das Glück die „neue“ Medizin kennen zu lernen. Sind aber die Medikamente wirklich das große Glück? In den ersten Jahren der HAART (Hochaktive Antiretrovirale Therapie) gab es nicht die Medikamentenvielfalt wie heute, Die Medikamente wurden wesentlich höher dosiert als das jetzt der Fall ist, damit waren die Nebenwirkungen wesentlich heftiger und auch oft deutlich sichtbar. Dazu gehörten unter anderem Fettumverteilungsstörungen. Auch wenn die heute wesentlich seltener vorkommen, haben sehr viele genau davor Angst und versuchen einen Therapiebeginn hinauszuzögern.
Wann soll ich anfangen? Diese Frage löst immer wieder heftige Debatten in den Foren aus. Die einen setzen eher auf so spät wie möglich und führen die Möglichkeit von Langzeitnebenwirkungen für ihre Argumentation an. Andere sind der Meinung so bald wie möglich um a) damit das Immunsystem erst gar nicht zu „stark“ geschädigt wird und b) wegen EKAF, damit sie für andere keine Gefahr mehr sind. Es gibt noch eine dritte Gruppe die sagt: Fang an wenn du dazu bereit bist. Aber bereit für die Therapie sollte man spätestens dann sein, wenn es Medizinisch erforderlich ist die Therapie zu starten. Dafür gibt es einige Eckdaten in den Blutwerten. Die einen fühlen sich besser wenn sie möglichst gleich den Feind bekämpfen, andere brauchen Zeit mit der Tatsache positiv zu sein klar zu kommen. Ich denke, die Menschen sind verschieden und solange es Medizinisch vertretbar ist sollte man jeden für sich selbst entscheiden lassen. Ich denke auch, dass ein guter Arzt seinen Patienten zur rechten Zeit auf einen Therapiestart vorbereitet, wenn der Patient signalisiert noch nicht bereit für eine Therapie zu sein.
Ich musste bereits ein halbes Jahr nach der Diagnose mit der Therapie beginnen, weil die Blutwerte drohten in den Kritischen Bereich zu sinken. Zu bedenken ist dabei, dass die Diagnose nicht der Zeitpunkt der Infektion sein muss, dieser kann in meinem Fall viele Jahre in der Vergangenheit gelegen haben. Mein Mann dagegen hat so komfortable Werte dass er sich ruhig noch einige Zeit lassen kann. Das ist bei ihm auch notwendig, weil von einer Therapie er zurzeit nichts wissen will. Dass die Medikamente keine Bonbons sind, habe ich erleben müssen. Das ist auch der Grund warum ich im vergangenen Jahr die Kombination ändern musste. Vom Körpergefühl waren sie sehr verträglich nur die Nierenwerte gingen plötzlich stark nach oben. Nach der Umstellung gehen die Nierenwerte wieder nach unten, aber das Körpergefühl ist nicht wirklich gut. Regelmäßig wird mir früh morgens übel, mit etwas Glück ist dieses Gefühl nach 2 Stunden vorbei, manch mal aber hält das fast bis zum Abend an. Ich kann es gut verstehen, wenn andere positive Blogger über ihren Virus schimpfen, wenn sie mal wieder einen schlechten Tag haben, weil sie eben mal mit ihren Medikamenten Probleme haben. Heute war wieder so ein Tag, an dem ich mich mit Übelkeit zur Arbeit geschleppt habe und erst am späten Nachmittag ließ diese Übelkeit nach.
An solchen Tagen verstehe ich das Argument über den späten Therapiebeginn und würde auch dazu raten. Dann geht es mir wieder einige Tage richtig gut und ich denke daran, dass ich mein Leben heute den Medikamenten verdanke, das es mir ohne heute wesentlich schlechter ginge.

Advertisements

Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
Dieser Beitrag wurde unter Gesundheit, HIV, Medikamente, Nebenwirkungen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s