Gegen die Kriminaliseierung von HIV-Kranken

Als mein Mann mich oder ich meinen Mann mit HIV Infiziert hat wussten wir nicht dass einer von uns das Virus in sich trägt. Damit sind wir rechtlich unangreifbar. Das ist gut für uns. Wer, wenn, wann infiziert hat ist für uns aber auch nicht wichtig.
Anders sähe es aus wenn einer von uns vorher bekannt positiv gewesen wäre.
An diesem Beispiel wird deutlich warum die Deutsche Aids Hilfe diese Presseerklärung herausgegeben hat.
http://aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/pressemitteilung-strafbarkeit-der-hiv-uebertragung-beenden
Die Überlegung geht weiter:
Im vergangenen Jahr hat das Robert Koch Institut (RKI) etwa 3000 Neudiagnosen registriert. Nach einer neuen Methode in der Statistik waren davon ca. 1/3 der Diagnosen bereits seit einigen Jahren infiziert. Wenn jemand dieser 1000 Personen, was eher wahrscheinlich ist, auch andere infiziert hat ist das rein rechtlich nicht sein Problem. Er wusste ja nichts von seiner Infektion. Mit zunehmender Infektionszeit steigt die Virenlast und damit auch das Risiko andere zu infizieren. Das er eher gesundheitliche Probleme haben kann, weil er vielleicht zu spät getestet wurde ist aber sein Problem.
Jemand der früh (frisch infiziert) eine Diagnose erhält wird sehr wahrscheinlich danach leben. Er ist sich bewusst, für andere ein Risiko sein zu können. Sicher ist während Primärinfektion die Virenbelastung extrem hoch (damit auch das Risiko andere zu infizieren) sinkt nach der Immunantwort aber wieder auf einen sehr niedrigen Wert, der eine Exposition unwahrscheinlicher werden lässt, bis nach Jahren die Virenlast wieder drastisch ansteigt.
Sehr viele nehmen schon aus dem Grund andere zu schützen früher Medikamente um eben die Virenlast soweit zu senken, dass eine Exposition nicht mehr möglich ist.
Hier liegt die Ungerechtigkeit der Rechtsprechung, wenn jemand HIV hat und darüber informiert ist muss er alles Erdenkliche tun damit niemand gefährdet wird. Das fängt damit an das die Gerichte verlangen dass man seinen Sexualpartner vorher über seinen Status informiert. Was völlig wirklichkeitsfremd ist. Wenn jemand wiederholt eine Absage bekommt, weil er seinem Wunschpartner sagt dass er positiv ist, wird irgendwann resignieren und über seinen Status schweigen.
Es gibt auch immer wieder Fälle in denen jemand einen Seitensprung hatte und mit seinem Partner nicht darüber reden will. Er lässt sich nicht testen, weil er Angst hat sich dann offenbaren zu müssen, aus dem gleichen Grund verzichtet er auf ein Kondom innerhalb der Beziehung. Sonst müsste er sich schließlich fragen lassen warum er so plötzlich ein Kondom verwenden will. So wird dann unter Umständen auch der Partner Infiziert.
Durch die bestehende Strafverfolgung HIV-Positiver wird die Zahl der Neuinfektionen sicherlich nicht weniger. Vielmehr muss etwas gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung der Positiven unternommen werden. So wird man wesentlich mehr erreichen können. Dafür bedarf es auch eines Umdenkens in der HIV/Aids-Aufklärung. „Kondome schützen“ ist nicht unbedingt veraltet hat aber heute nicht mehr die Ausschließlichkeit von früher. Dazu muss Plakativ gemacht werden dass ein Positiver nicht einfach so andere anstecken kann. Das wird viel zur Selbstverständlichkeit im Umgang mit HIV-Positiven beitragen.
Eine Strafbarkeit der HIV Exposition ist ein eindeutig falsches Signal. Es verhindert keine Neuinfektionen, es verhindert eher eine Selbstverantwortlichkeit. Es fördert das Denken: „Wenn mein Partner positiv ist, wird er es schon sagen“. Diese Annahme ist nur leider nicht richtig. Die Gründe dafür habe ich oben beschrieben. Um die HIV-Prävention zu stärken ist es wesentlich sinnvoller gerade auch die Eigenverantwortlichkeit zu fördern. Wenn man sich klar darüber ist mehr für seine eigene Sicherheit zu tun wird das mehr bringen als einen Positiven zu verurteilen weil er vielleicht jemand anderen gefährdet haben könnte. Viele deutsche Gerichte haben bis heute nicht akzeptiert, dass ein gut therapierter Positiver eben nicht Ansteckend ist.
Es ist nicht wirklich Strafbar seine HIV-Infektion vor einem Partner zu verschweigen, sollte es aber zu einer Klage kommen wird dies dem Positiven als Versäumnis ausgelegt. Siehe auch dem Fall Nadja Benaissa, der erschwerend zur Last gelegt wurde ihren Partner nicht über ihren HIV-Status informiert zu haben.
Eine Erklärung zum Strafrecht von der DAH:
http://www.aidshilfe.de/de/leben-mit-hiv/recht/strafrecht?page=2

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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