Gedanken nach einer Autorenlesung

Ich war Montagabend auf einer Autorenlesung von Uwe Görke-Gott.

http://www.uwegoerke-gott.de/

Uwe ist selbst Aids-Aktivist, der nach 22 Jahren aufhören will. Verübeln will ich es ihm nicht. Sich 22 Jahre für eine gute Sache einzusetzen bringt leider nicht nur Freunde sondern auch viele Gegner. Ihm wurde oft vorgeworfen ein Feind der Aids-Hilfe zu sein nur sein Engagement für die Aids-Hilfe Unna u.a aus der Region in der er lebt sprechen anderes.

Das ist der Punkt auf den ich in diesem Beitrag hinaus will. Darf, soll oder muss man als Privataktivist, wie Uwe, außerhalb der Aids-Hilfe agieren? Ich denke ja unbedingt. Sicher muss man auch immer wieder mit der AH zusammen arbeiten aber doch nicht immer. Viele Menschen kann man durch die AH einfach nicht erreichen, sie blocken dann einfach.

Aids-Hilfe, das klingt immer nach Aids. Nur wer hat heute noch das „alte“ Aids. Das „neue“ Aids ist eine behandelbare HIV-Infektion. Man lebt mit dem „neuen“ Aids schließlich ganz normal weiter und will von dem „alten“ Aids nichts mehr wissen. Man stirbt nicht mehr an Aids, und wenn dann nur sehr wenige. Wozu braucht es dann noch Aids-Hilfen wenn es doch kein Aids, so wie früher als die Betroffenen reihenweise starben, mehr gibt?
Genau hier braucht es Privataktivisten, die eine klare Grenze zwischen AH und dem anderen Leben mit HIV setzen. Die aber auch nicht ganz entfernt von der AH sind. Ich will hier nicht die Notwendigkeit der AH herunter spielen. Sie ist nach wie vor wichtig in der Aufklärung, in der Beratung Betroffener, Angehöriger und Verunsicherter, aber auch zur Durchsetzung politischer Forderungen. Der alte Zweck der AH – die Betreuung Aids-Kranker, der Beistand sterbender und deren Angehörigen – schwindet immer mehr. Frankfurt gibt als letzte deutsche Stadt zum Jahreswechsel den Ambulanten-Pflegedienst auf. Damit verliert die AH einen Teil ihrer selbst auferlegten Aufgabe. Die Gründe sind der sehr geringe Bedarf. Wie bereits gesagt Aids findet fast nicht mehr so statt wie früher. Das ist natürlich gut so. Vor 20 Jahren starben in Frankfurt täglich mindestens ein Menschen an Aids heute sind es 60-70 im Jahr, deren beim Welt-Aids-Tag gedacht wird.

Wozu brauchen wir noch die vielen Aids-Hilfen, so Uwe, wenn die meisten von ihnen nicht mehr genügend Geld haben um ihre Aufgaben zu übernehmen, ist es nicht sinnvoller mit anderen Aids-Hilfen in der Region zu fusionieren. Beispiel: Frankfurt und Offenbach unterhalten jeder eine AH. Die Städte sind Geografisch nur durch den Main voneinander getrennt. Warum macht man nicht einfach aus zwei eine AH? Das würde die Kosten deutlich senken. Was bricht dagegen? Beispiel Köln/Bonn, Hannover/Hildesheim, Mainz/Wiesbaden nee das geht eignet sich nur gar nicht als Beispiel, zwei Landeshauptstädte die gleich nebeneinanderliegen brauchen natürlich eigene Aids-Hilfen. In anderen Regionen muss man auch mal 100 Km fahren um eine Aids-Hilfe zu finden. Nur in Ballungsgebieten leistet sich jede zweite Stadt eine AH. Frankfurt, Offenbach keine 10 km voneinander entfernt (mit der S-Bahn keine 10 Minuten) haben jeder für sich eine AH. ebenso

Privataktivisten können viel leisten und sind eine wertvolle Ergänzung zu den Aids-Hilfen. Leute die über ihr Leben mit HIV schreiben/bloggen, Leute die Videos in Youtube veröffentlichen, Leute die nirgendwo Mitglied sind sich in Schulen oder öffentlich Engagieren, Leute die offen mit HIV leben etc sind ebenso wichtig wie die Aids-Hilfen. Auch wenn einigen von diesen Menschen vorgeworfen wird eine Profilierungssucht zu haben. Ich meine man muss ein gewisses Bedürfnis haben im Mittelpunkt zu stehen um das leben zu können, was Menschen wie Uwe Görke seit Jahren antreibt.

Ein großes Buh an jene die HIV-positive noch immer Diskriminieren und Ausgrenzen besonders Ärzte, die eigentlich besser informiert sein müssten. Ein Buh die die HIV-positive verurteilen weil sie HIV haben, die uns meiden und bei anderen schlecht machen und Panik schüren. Ein Buh an die Gauweilers die HIV gerne als Straftat betrachten…

Danke Uwe, für das was du erreicht hast, danke an den verstorbenen Napolen Seyfarth den ich kennen lernen durfte der offen über sein Aids geschrieben hat, danke an all die anderen die den Mut haben offen zu ihrem Status zu stehen und damit HIV in das Bewusstsein der „gesunden“ bringen, die dafür sorgen sich mit HIV auseinandersetzen zu müssen. Gäbe es doch nur mehr davon. Danke auch an die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der Aids-Hilfen, die seit einem viertel Jahrhundert aufklären über HIV/Aids, Safer Sex, die viele Jahre Aids-Kranke bis in den Tod gepflegt und begleitet haben. Danke auch an jene die uns HIV-positiven nicht ausgrenzen, die uns beistehen und mit uns leben als Lebenspartner oder Freunde, als Kollegen oder Nachbarn oder oder oder. Danke an die Politiker, auch wenn ich sie nie wählen würde, die sich dem Thema HIV/Aids verantwortungsvoll öffnen, wie z.B. Frau Süßmuth es getan hat…

Advertisements

Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
Dieser Beitrag wurde unter Gedanken, HIV, Leben, Persönliches, Politik abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Gedanken nach einer Autorenlesung

  1. alivenkickn schreibt:

    Aids-Hilfe, das klingt immer nach Aids.

    Interessanter Aspekt den Namen zu hinterfragen ob – inwieweit er noch der Gegenwert gerecht wird – welche (alten) Bilder da abgerufen werden.

    Die Frage die sich mir seit langem stellt welche Aufgaben stehen heute an? Werden die AH´s in ihrer gegenwärtigen (die alter inhaltliche Aufgabenstellung) noch gerecht? Wie sehen – können AH´s heute aussehen?

    Der alte Zweck der AH – die Betreuung Aids-Kranker, der Beistand sterbender und deren Angehörigen – schwindet immer mehr. Frankfurt gibt als letzte deutsche Stadt zum Jahreswechsel den Ambulanten-Pflegedienst auf.

    Hochaktuell weil eben aktuell.Die Aufgaben haben sich verändert. Heute leben wir dank der medis länger und sterben wie „jeder Mensch auch“. Es sind neue andere Formen der Betreuung notwendig – und die sind nicht HIV – Krankheitsabhängig sondern “ Altersbedingt und vor allen Dingen FamilenNetzwerk ab bzw unabhängig. Werden wir dem Bild des alternden auf Pflege und Hilfe angewiesenen Menschen mit den derzeitigen Pflegevorgaben – Rahmenbedingungen gerecht? Mitnichten.

    • Diego62 schreibt:

      Muss die AH ihre Aufgabe neu definieren um überkleben zu können? Ein wichtiger Aspekt den du aufwirfst ist das Alter. Wenn wir schon normal alt werden, wer bereitet die Altenpflege darauf vor in Zukunft immer mehr auch mit HIV+ Alten zu tun zu haben?

      • alivenkickn schreibt:

        DASist en Thema das jetzt schon in der Praxis zu Problem führt weil Pflegekräfte (nicht alle aber viele) heute 30 Jahre nach HIV immer mal wieder (um es mal vorsichtig auszudrücken) von mehr irrationalen Ängsten als von Wissen und Kenntnis über Menschen mit HIV geleitet werden. Das Defizit fängt schon in der Berufsausbildung an. Was die Lebenswelten und Lebensentwürfe von homosexuellen Männer und Frauen betrifft verhält es sich ähnlich. Da ist der Wissenstand gleich Null.

        Von Pflegekräften gepflegt oder betreut zu werden die Null Ahnung aber dafür jede Menge Unwissen und Vorurteile haben davor möge von uns jeder verschont bleiben.

      • Diego62 schreibt:

        Genau an diesem Punkt muss gearbeitet werden. Die Pflegekräfte in den Alten und Pflegeheimen sind meist nicht vorbereitet auf Homosexuelle Männer und Frauen und schon gar nicht auf HIV was bald aber auch in Altersheimen an der Tagesordnung stehen dürfte. Packen wir es an.

  2. Diego schreibt:

    Genau an diesem Punkt muss gearbeitet werden. Die Pflegekräfte in den Alten und Pflegeheimen sind meist nicht vorbereitet auf Homosexuelle Männer und Frauen und schon gar nicht auf HIV was bald aber auch in Altersheimen an der Tagesordnung stehen dürfte. Packen wir es an.
    Da fällt mir ein zu dem Thema wollte ich schon immer eine Nachbarin befragen, die in der Altenpflege arbeitet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s