Welt-Aids-Tag 2012 Nachlese

Wie in den vergangenen Jahren auch war ich am Welt-Aids-Tag (WAT) in Frankfurt in der Paulskirche. Das Motto in Frankfurt war in diesem Jahr „Weiterleben“.

„Weiterleben“ soll anregen darüber nachzudenken was man darunter versteht.

  • Ja wir werden auch mit HIV Weiterleben, wir werden Alt wie alle anderen auch.
  • Weiterleben und von anderen Abschied nehmen müssen die nicht mehr an Leben sind
  • Weiterleben mit Medikamenten und deren Nebenwirkungen.
  • Menschen die mit HIV seit 20 Jahren und mehr Weiterleben, in dieser Zeit viele Freunde verloren haben und sich eigendlich auf einen frühen Tod eingestellt hatten.

„WEITERLEBEN“

Wie in jedem Jahr gab es einige Redebeiträge.

  • Begrüßung:     Christian Setzepfandt (Frankfurter Aids-Hilfe)
  • Grußwort:     Rosemarie Heilig (Gesundheitsdezernentin der Stadt Frankfurt)
  • Redebeitrag:    Reiner Dickopf (Aids-Hilfe Frankfurt)
    Eine Spur im Schweigen hinterlassen
  • Redebeitrag:    Gerold Eppler (Museum für Sepulkralkultur, Kassel)
    Aids und öffentliches Totengedenken
  • Redebeitrag:    Michael Jähme (Sozialpädagoge und Aids-Aktivist, Köln)
    Gegen den Strom ins Leben
  • Redebeitrag:    Dr. Bruno Pockrand (Krankenhausseelsorger, Frankfurt)
    Lebenszeichen Trauer
  • Redebeitrag:    Prof. Dr. Martin Dannecker (Sexualwissenschaftler, Berlin)
    Die Zeit der Trauer
  • Musikalische Begleitung: Emirsian
    http://www.youtube.com/watch?v=V8VaQbjXCYM
  1. Christian Setzepfand sprach wie jedes Jahr über das vergangene Jahr. In Frankfurt gab es in diesem Jahr 59 Personen die an den Folgen von Aids gestorben sind, seit Beginn von Aids waren es über 1.500. Besonders hat er an den erst kürzlich gestorbenen Marcus Volk erinnert der 2010 in einer großen Plakatkampagne beteiligt war.
    http://blog.aidshilfe.de/2012/11/28/uberlebensgros/
    Außerdem hat er berichtet dass zum Ende des Jahres der Regenbogendienst, die Ambulante Pflege von Aids-Kranken die Arbeit einstellt. Das ist nicht schön aber die Begründung ist das immer weniger Menschen dieser speziellen Pflege bedürfen. Dieser Pflegedienst hat sich nie gerechnet und in der heutigen Zeit noch viel weniger.
  2. Frau Heilig sprach für die Stadt Frankfurt das Grußwort. Ich habe mir wenig notiert. Das Wesentliche ihres ist mit wenigen Worten zusammengefasst. Die Anzahl der Aids-Toten in Frankfurt ist stark zurückgegangen und es gibt noch viel zu tun im Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
  3. Reiner Dickopf sprach darüber wie es zu dem typisch frankfurter Thema „Weiterleben“ kam. Über die Kritik am Trauermarsch der letzten Jahre und hier stimme ich voll mit ich überein, auf dem Trauermarsch nach der Gedenkfeier in der Paulskirche wird viel zu viel geredet und gelacht als das Passanten das noch als Trauermarsch erkennen würden. „Wir trauern um unsere Verstorbenen!“ Steht auf einem Transparent an der Spitze des Fackelzuges dahinter eine Gruppe Menschen die unaufhörlich schnattern, gackern und lachen. Das hat mit Trauer nichts zu tun.
    In früheren Jahren war die Paulskirche mehr als voll, alle Sitzplätze waren belegt und die Gäste standen selbst noch auf den Treppen um dabei zu sein. Heute sind wenn es hoch kommt noch gerade die Hälfte der Sitzplätze belegt. Wir trauern nicht mehr. Der Grund starben vor 20 Jahren noch 600 Personen in Frankfurt im Jahr an Aids liest sich die Zahl heute doch sehr gering.
    Dennoch ist es nötig der Trauer einen Ort zu schaffen, sei es durch die Urnenstätte auf den Hauptfriedhof oder der Gedenkstätte auf dem Peterskichplatz. Trauer ist eine Spur im Schweigen zu hinterlassen
  4. Weiterleben mit Erinnerungen an alles was man verloren hat. So Gerold Epplers Eingangsworte. Geht die Trauerkultur verloren oder ist es ein Wandel. Erinnerungen sind mit Verstorbenen verbunden, viele Dinge, Orte und Situationen verstärken das Gefühl von Verlust. Negative Erinnerungen werden verleugnet. Mit den Jahren verlieren Sterben und Tot ihre Dramatik, nicht nur bei Aids.
    In den Anfängen unorthodoxe durch die Not hervorgerufene Bestattungsrieten bei den Hinterbliebenen der Aids-Toten der frühen Jahre wurden verallgemeinert, kommerzialisiert sie haben ihre Einzigartigkeit verloren.
  5. Seit 22 Jahren HIV-Positiv. Michael Jähme erzählt von seinem Erleben seit der Diagnose HIV+ 1990. Damals waren die Aussichten noch länger zu leben sehr gering. Die Todesbedrohen sehr groß, die Solidarität unter Betroffenen und deren Freunden wesentlich intensiver. Er berichtet auch über die Lebenslust, die trotz der Drohung eine nahen Todes da war, die Hoffnungen die in Therapiefortschritte gesetzt wurden und sich immer wieder als Luftnummer kristallisierten, wurden immer wieder enttäuscht.
    1996, kam die Kombitherapie auf und ließ wider Hoffnungen zu, die Lust zu leben kam wieder auf. Nur wie lange wird das gutgehen, wann wird trotz der Kombitherapie das Virus siegen? Diese Gedanken führten immer wieder zu Verunsicherungen.
    Nach 4 Jahren, 2003, begann das Gefühl sich mit dieser neuen Therapieform sicher zu fühlen.
    HIV-Positive fühlen sich nicht mehr Krank, fühlen sich nicht mehr als Opfer, auch wenn sie als solche noch immer dargestellt werden. Es ist wichtig beim Erinnern Emotional zu werden, Orte der Begegnung und des gemeinsamen Erinnerns zu schaffen
    Die volle Rede von Micheal könnt ihr nachlesen unter:
    http://termabox.wordpress.com/
    Der Redebeitrag hat mich auf eine Idee zu einem Projekt gebracht die ich gerne mit der Aids-Hilfe umsetzen würde. Mit geeigneten Mitteln wir das wohl auch zu realisieren sein.
  6. Dr. Bruno Pockrand, Seelsorger im Nordwest-Krankenhaus, Frankfurt. Irgendwie fällt es mir immer schwer zu Redebeiträger dieser Berufsrichtung Notizen zu machen. Daher hier nur ein paar kurze Zitate:
    „Leben dein Name ist Sterblichkeit“
    „Leben ist immer auch Vergehen“
    „Arbeit der Trauer ist Arbeit der Liebe“
    „Trauer braucht Platz im Leben, braucht Raum in der Betriebsamkeit“ bei der Arbeit, im privaten Leben …
  7. Martin Dannecker war der letzte Gastredner dieses Abends. Vielleicht einer der bekanntesten in der Community. Er berichtet über der öffentliche Trauern im schwulen Leben. Darüber wie die Toten damals den Freunden durch die Familien entrissen wurden, die sich für das Schwulsein der verstorbenen schämten, die verheimlichen wollten das die Person an Aids gestorben ist, selbst Lebenspartnern wurde oft die Möglichkeit eines Abschieds genommen. Die Community war gezwungen eigene Wege der Trauer zu finden. Er erinnerte daran, dass Gedenkveranstaltungen wie auch der Welt-Aids-Tag für Freunde und Lebenspartner eine wichtige Trauerarbeit war.
    Trauerarbeit soll für trauernde das Ende der Trauer erwirken. Sein Schlusswort ist das Sonett 71 von Shakespeare
    „Nicht länger traure du um meinen Tod,
    Als wie die Glocke klingt mit dumpfem Tone,
    Der Welt verkündend, dass ich ihrer Not
    Entgangen bin und bei den Würmern wohne.Ja, liest du diese Zeilen, weihe mir
    Kein Angedenken, da ich so dich liebe;
    Dass besser ich vergessen bin von dir,
    Als dass Erinnrung deine Brust betrübe.Und wenn ich modre in des Todes Haus,
    Und du wirst noch auf diese Lieder sehn,
    So sprich nicht einmal meinen Namen aus;
    Die Liebe lass mit meinem Tod vergehn,Dass deinen Schmerz die kluge Welt nicht sieht
    Und dich verlacht, wenn ich vom Leben schied.
    (Quelle: http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=6156&edit=0)

Wie immer endet dieser Abend mit einem Trauermarsch, bei dem die Anwesenden nichts aus der Kritik gelernt haben, zum Peterskichplatz auf dem das Memorial der Aids-Toten Frankfurts ist. „Verletzte Liebe“ Viele Hundert Bronze-Nägel sind hier in einer Steinwand. Wie jedes Jahr werden hier Rosen abgelegt und die Namen unserer Toten aus diesem Jahr genannt. Zu jedem Namen wird eine Kerze abgestellt. Einige Nägel werden neu in den Stein geschlagen, in diesem Jahr auch für Marcus, und ich denke hier ist besonders auch Marcus Volk bedacht worden.

Danke für einen Welt-Aids-Tag, der mal wieder dem Sterben gewidmet war.

 

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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3 Antworten zu Welt-Aids-Tag 2012 Nachlese

  1. alivenkickn schreibt:

    Außerdem hat er berichtet dass zum Ende des Jahres der Regenbogendienst, die Ambulante Pflege von Aids-Kranken die Arbeit einstellt. Das ist nicht schön aber die Begründung ist das „immer weniger Menschen dieser speziellen Pflege bedürfen“. Dieser Pflegedienst hat sich nie gerechnet und in der heutigen Zeit noch viel weniger.

    Das ist mit Verlaub gesagt „Bullshit“. Der Dienst hatte 100 Klienten bei ca 9 – 10 Pflegekräften. 3 davon waren nur im Eschenbachhaus eingesetzt, der Rest hatte Klienten über ganz Frankfurt und bis in den Taunus hinaus zu versorgen. Dabei kam es zu Fahrtkosten zwischen zwei Terminen von bis zu 1 Std. Solche Kosten waren auf Grund der Rahmenbedingungen mit/über Kostenträger nicht abzurechnen. Der Regenbogendienst hat seit Anfang dieses Jahres keine Klienten mehr aufgenommen „obwohl“ Bedarf bestanden hat.

    „. . . . bei dem die Anwesenden nichts aus der Kritik gelernt haben, . . . . “ Hier liegt der Hase im Pfeffer und das bezieht sich nicht nur auf den WAT bzw diese alljährliche Veranstaltung.

    • Diego62 schreibt:

      Ich will hier nicht werten, dazu fehlen mir auch die Kenntnisse und Abrechnungen des Regenbogendienstes sowie der Frankfurter Aids-Hilfe. Daher danke für den Hinweis.

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