HIV-Emanzipation und Aufklärung

Emanzipation hat sehr viel mit Aufklärung zu tun. Nur wie aufgeklärt ist die „gesunde“ Bevölkerung wirklich was HIV angeht? Ein beachtlicher Teil kennt ja nicht einmal den Unterschied zwischen Aids und HIV. Die Presse schreibt wie erst vor kurzem von einem „Aids-Spucker“, davon dass jemand anderen mit Aids infiziert hat. Aids ist keine Infektion sondern kann die Folge einer HIV-Infektion sein, wenn sie nicht behandelt wird.

„Kondome Schützen“, den Spruch kennt hier zu Lande jedes Schulkind, auch wenn sie mit der Aussage noch nichts anfangen können. Bunte Kondome auf Plakatwänden, wer hat sie noch nicht gesehen? Dennoch ist das Wissen zuvieler Menschen über HIV eher mangelhaft. HIV-Positive die es wagen sich zu outen erleben die immer wieder. Positive Arbeitskollegen werden gemieden aus Angst dass das Virus einfach so überspringt. Mieter werden von anderen Bewohnern eines Hauses raus gemobbt. Angestellten wird gekündigt weil Chefs Angst davor haben das Kunden ausbleiben. Ärzte, besonders Zahnärzte verweigern nötige… Aufgeklärt sein ist anders.

Die Schulen klären auf, was ist Aids und wie kann man sich vor schützen, und das ist auch gut so. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) informiert Plakativ erfolgreich, das Kondome schützen. Ebenso die Aids-Hilfen und andere Aids-Organisationen. Aber welcher erwachsene Mensch weiß heute das man HIV nicht durch ganznormale Körperkontakte, wie Händeschütteln, Umarmen, zusammenarbeiten oder Küssen bekommen kann? Noch weniger sind darüber informiert, dass wenn keine Viren im Blut nachweisbar sind das Risiko einer Infektion fast null ist.

Warum sind gerade im medizinischen Bereich noch immer so viele Ärzte, PflegerInnen und Praxis- und anderes Personal so schlecht aufgeklärt? Ärzte die bei einer Routineuntersuchung zwei Paar Handschuhe tragen oder eine Behandlung gleich ganz verweigern sind weit weg davon wirklich informiert zu sein. Aber gerade im medizinischen Bereich sollte man erwarten mit aufgeklärtem Personal zu tun zu haben. Die Virenlastmethode soll nun auch von der Aids-Hilfe verstärkt kommuniziert werden. Dafür ist eine Themenwerkstatt „Virenlastmethode“ eingerichtet worden, die hierfür ein passendes Schlagwort finden soll.

Das kann nur ein Anfang sein. Die Allgemeinheit muss besser informiert werden wo alles keine Gefahr besteht sich mit einem HI-Virus zu infizieren. Der positive Arbeitskollege ist genauso wenig eine Gefahr wie die positive Bedienung in einem Lokal oder ein positiver Mitbewohner oder Patient. Auf großen Plakatwänden macht die BzgA ja nun seit einigen Jahren Werbung für ein besseres Miteinander aber kommt das wirklich an? Manchmal habe ich da meine Zweifel. Die Werbestrategen könnten sich ja mal eine effektivere Strategie einfallen lassen. Nichts gegen die Personen die bei diesen Kampagnen mitgewirkt haben, ihnen gebührt mein besonderer Dank für den Mut sich auf Plakatwänden öffentlich zu outen, sie sind in der Community fast zu Helden geworden. Klar ein paar Nörgler gibt es immer die diese Personen als Profilierungssüchtig bezeichnen, weil sie nicht den Mumm haben es auch so zu machen.

Richtige Aufklärung ist der erste Schritt zur Emanzipation. Das hat zuerst die Frauenbewegung bewiesen dann auch die Schwulenbewegung. Nun ist es an der Zeit das auch für HIV zu beweisen. Zur Aufklärung gehören aber auch Mutige die bereit sind andere aufzuklären.

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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2 Antworten zu HIV-Emanzipation und Aufklärung

  1. Gernot Back schreibt:

    Lieber Diego,

    ich kenne das alles gar nicht, aber vielleicht lebe ich hier in Köln ja auch auf einer Insel der Glückseligen. Ärzte, die einem die Behandlung verweigern oder einen nur mit spitzen Fingern (doppelten Handschuhen) anfassen, Kollegen die einen rausmobben wollen (ich gehe in der Firma ganz offen mit meiner HIV-Infektion um), sind mir noch nicht begegnet.

    Das Schlimmste, was mir bisher passiert ist, war dass ein Krankenhaus bei einer Darmspiegelung darauf bestand, mich erst als Letzten dranzunehmen, angeblich weil man ja nach mir den ganzen OP sterilisieren müsste. Das war etwas unangenehm, weil man ja dazu bei einer Darmspiegelung umso länger nüchtern bleiben muss.

    Dem behandelnden Arzt waren die Vorschriften seiner eigenen Klinik im Umgang mit HIV-Patienten, die er mir gegenüber vertreten musste, selbst peinlich, weil er wusste, wie überflüssig sie sind: 25 Jahre lang habe ich den Test verweigert und in dieser Zeit war ich (ohne Therapie) bedeutend ansteckender. Da hat auch kein Hahn danach gekräht, ob ich möglicherweise positiv war.

    Meinem Zahnarzt habe ich meine HIV-Infektion noch nicht offenbart. Es bestand bisher auch kein Grund dazu, weil er mir nie Betäubungsmittel verabreicht hat, die dies zum Ausschluss von Wechselwirkungen mit meinen ART-Medikamenten erforderlich gemacht hätten. Ich werde mal sehen, was passiert, wenn der Fall eintritt, bin aber hier in Köln guten Mutes, dass er gelassen reagiert.

    Gruß, Gernot

    • Diego62 schreibt:

      Ich beschreibe in diesem Beitrag nicht meine Erlebnisse aber ich habe einige Erlebnisse gelesen die genau dies beschreiben. Köln ist leider nicht überall, die Realität nicht nur auf dem Land ist leider nicht optimal.
      Ich will mit diesem Artikel auf allgemeine Problematiken aufmerksam machen, über die andere Positive immerwieder berichten.

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