HIV-Emanzipation und Stigma

HIV/Aids hat bereits vor 30 Jahren das Prädikat Pfui abbekommen. Nicht ganz Unbeteiligt daran war die Berichterstattung des Spiegel mit seinen diversen Artikeln über AIDS oder die Schwulenpest wie der Spiegel das anfangs gern nannte. Auch für einige andere Metaphern mit denen AIDS in die Schmuddelecke geschoben wurde ist der Spiegel zumindest mit verantwortlich. AIDS war ein beliebtes Thema vom Spiegel und entsprechend oft aufgegriffen und oft als Schwulenpest und Horrorseuche bezeichnet, als „Strafe Gottes“ für nicht konforme Sexualpraktiken und Vorlieben der Schwulen. Aids-Kranke die Virenschleudern, die verantwortungslos jeden Infizieren der nicht schnell genug die Flucht ergreift.

Die Berichterstattung damals hat viel zur Stigmatisierung HIV-Positiver auch heute noch beigetragen. Auch heute noch ist HIV irgendwie iih. Eine Strafe für sexuelles Fehlverhalten, besonders außerhalb der normalen Ehe, für Drogenkonsum und allem was nicht irgendwie den Wertevorstellungen entspricht. Auch heute noch wird unterschieden zwischen guten Positiven, die „unschuldig“ mit HIV infiziert wurden und bösen Positiven, die sich durch Sex mit anderen HIV geholt haben. HIV ist auch heute noch weit entfernt davon eine Krankheit wie jede andere sein zu dürfen. Tripper und Syphilis sind zwar auch irgendwie pfui aber werden dank guter Behandelbarkeit, ein paar Antibiotika und gut ist, sind es eher Kavalierskrankheiten.

Gerade die Stigmatisierung von HIV macht es vielen schwer bis unmöglich offen über HIV und Sex zu reden. HIV-Positive haben Angst vor Abweisung wenn sie einen neuen Partner kennen lernen. In den HIV-Foren liest man immer wieder, „wann soll ich es meinem Partner sagen?“. HIV-Negative die das Thema lieber verdrängen, eventuell auf ein Kondom verzichten weil der Partner könnte ja denken man sei positiv. Und viele die vor einem HIV-Test einfach nur Angst haben weil man könnte vielleicht doch positiv sein und dann hat man nur Probleme mit dem Sex, bei der Arbeit, mit Versicherungen etc. Stigmatisierung ist ein großer Störfaktor in der Prävention. Wo Mensch Angst haben muss wegen HIV ausgegrenzt und diskriminiert zu werden lässt es sich schwer offen über HIV reden. „Setze ich lieber auf Safer-Sex und sage es meinem neuen Lover nicht?“ Diese Frage stellen sich sehr viele. Dabei stellt sich immer wieder die Frage was ist Safer-Sex. Ist Safer-Sex auch ohne Kondom machbar, weil man ja dank keiner Nachweisbaren Viren im Blut nicht mehr ansteckend ist. Was wohl in der Medizin und Beratung inzwischen weitestgehend auch angekommen ist nicht aber beim Staatsanwalt und noch weniger im Allgemeinwissen der Bevölkerung.

Die Stigmatisierung von HIV ist besonders heute eine der Ursachen für Neuinfektionen. Grund sich nicht testen zu lassen und aus Angst für positiv gehalten zu werden wenn man auf ein Kondom beim Sex besteht. Darum muss es ein besonderes Anliegen sein etwas gegen das Stigma HIV/AIDS zu tun. Die Medien und ganz vorne der Spiegel haben damals nicht schlecht daran verdient HIV in die Schmuddelecke zu schieben jetzt ist es an der Zeit dafür zu sorgen das HIV da wieder heraus kommt, auch wenn das vielleicht nicht gerade populär ist.

Es gibt viele Gründe die Stigmatisierung von HIV zu überwinden. Ich verlange ja nichts Unmögliches mit dieser Forderung. HIV ist auch heute nicht heilbar, so sehr man sich das wünschen mag. HIV sollte auch dank der guten Therapiemöglichkeiten nicht vergessen werden. Genauso wenig soll man aber vergessen dass dank der Medikamente das Übertragungsrisiko bei den meisten HIV-Positiven gegen null geht. Die größte Gefahr Heute zu HIV und AIDS existiert ist die Verdrängung, die Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung. Es kann nicht allein Aufgabe der Betroffenen sein dagegen anzugehen es ist auch eine Aufgabe der Politik und der Medien gegen Stigmatisierung anzugehen. Aber auch wir Positive dürfen uns nicht länger hinter der Stigmatisierung verstecken. Wenn ich anderen nicht die Chance gebe mich auch mit HIV zu akzeptieren darf ich nicht jammern keine Toleranz zu finden. Das eigene Selbstwertgefühl ist hier gefragt. Wie kann man Akzeptanz von anderen fordern, wenn man sich nicht selber akzeptiert und verleugnet?

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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