Das Thema HIV

Ulrich Würdemann schreibt in einem Gastbeitrag für Queer.de. Ich danke ihm für seine Ausführungen, die viel Platz lassen für eigene Gedanken.

Ist HIV wirklich kein Thema mehr?

Sicher ist, HIV lässt sich gut behandeln. Als HIV-Positiver brauche ich mir in unserem Gesundheitswesen keine Sorgen machen in naher Zukunft an Aids zu krepieren. Eine große Auswahl hochwirksamer Medikamente schützt mich vor einem frühzeitigen, qualvollen Tod. Ich habe gute Hoffnung genauso alt zu werden wie andere Männer meines Jahrgangs.

Wie aber sieht es in anderen Ländern dieser Welt aus? In vielen Ländern ist eine wirksame Therapie nicht bezahl bar. Sicher gibt es Programme auch diese Menschen mit den nötigen Medikamenten zu versorgen, nur reicht das aus oder passiert nicht noch immer viel zu wenig? Staaten in denen Homosexualität verfolgt wird, verhindern eine effektive Präventionsarbeit. Eine frühzeitige Diagnose und damit auch Behandlung von HIV wird so verhindert. Ein Beispiel dafür gibt gerade Russland.

Aber auch hier im Land kann man nicht bedingungslos offen mit HIV Leben. Sehr viele der in den letzten Jahren an Aids gestorbenen in Deutschland könnten noch leben wenn sie früh genug einen HIV-Test gemacht hätten. Die Gründe einen Test nicht machen zu lassen sind vielfältig. Auch trotz erfolgreicher Therapie leben HIV-Positive in diesem Land mit vielen Nachteilen. Auch wenn ein Positiver dank erfolgreicher Therapie nicht ansteckend(1) ist er_sie nicht vor Strafverfolgung sicher. Immer wieder kommt es zu Verurteilungen wegen versuchter schwerer Körperverletzung, auch wenn das Risiko einer Übertragung fast null war und es zu keiner Übertragung gekommen ist. Allein die Angst vor Kriminalisierung schreckt vor einem Test ab, und noch mehr davor offen mit seinem Partner über HIV zu reden.

Noch immer werden HIV-Positive von Ärzten abgewiesen, erleben sie Diskriminierung und Ausgrenzung in der Familie, im Freundeskreis und der Arbeit wie die Umfrage „Positive Stimmen“ belegt(2). Auch wenn ein HIV positiver Mensch in Deutschland dank der Therapie ein ganz normales Alter erreicht ist werden ihm noch immer viele Versicherungsleistungen verwehrt.

HIV positive Menschen erleben hier wie anderswo noch immer Nachteile und Stigmatisierung. In einigen Regionen dieser Welt gar Verfolgung. Solange das so ist, muss HIV ein Thema bleiben.

Eine HIV-Diagnose verursacht meist eine Traumatisierung, ebenso wie bei anderen Diagnosen (MS oder Krebs). Wenn man in dieser Situation niemanden hat, mit dem man darüber reden kann verursacht dies Stress und schadet somit der Gesundheit. Wenn man in dieser Situation dazu noch Ausgrenzung und Diskriminierung, statt Unterstützung erfährt ist die Gefahr sich als minderwertig zu realisieren sehr groß. In einer Gesellschaft in der HIV nicht das ist was es ist, eine Infektionserkrankung, sondern von Vorurteilen beladen nur Schwule, Junkies und Huren betrifft, und damit nicht Gesellschaftsfähig, solange ist HIV ein Thema über das gesprochen werden muss.

In deutschen Gefängnissen wird die Gesundheit HIV-Positiver gefährdet(3), in dem Gefangenen oft der Zugang zu Medikamenten verwehr wird. Aber auch ein effektiver Schutz wie sterile Spritzen wir den Gefangenen verweigert. Gesundheit ist ein Menschenrecht und muss auch Strafgefangenen gewährleistet sein(4).

Gesundheit ist ein Menschenrecht, überall auf diesem Globus und darf niemanden verweigert werden. Solange das nicht der Fall ist, bleibt HIV ein wichtiges Thema. Angst vor Diskriminierung, Ausgrenzung, Ablehnung und Vorurteile sind wichtige Gründe keinen HIV-Test machen zu lassen. Ärzte übersehen eine mögliche Infektion, weil ein Familienvater ja nicht betroffen sein kann. Personen lassen keinen Test machen weil sie sich dank der Vorurteile (HIV ist ja nur eine Schwulenkrankheit) sicher fühlen.

HIV zu haben kann existenzgefährdend sein(5) wie das Beispiel Kirsten Zielke zeigt. Gegen die Dummheit der Menschen zu kämpfen gleicht dem Kampf gegen Windwühlen. Da wird Personen mit HIV auch schnell mal ein sittenwidriges Leben angedichtet. „Da ist der oder die ja selber schuld, wenn er_sie dieses Aids hat“

Das Landesarbeitsgericht Brandenburg bestätigte noch im Januar 2012 die Kündigung von Sebastian F.(6) wegen HIV, erst in diesem Jahr wurde ein ähnlicher Fall am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt. Der Arbeitgeber wurde hier wegen unbegründeter Kündigung eines Mitarbeiters auf Grund seiner HIV Infektion verurteilt(7). Was ein kleiner Erfolg ist und auch für Urteile in Deutschland hoffen lässt.

HIV muss ein Thema bleiben, auch wenn es wie in Deutschland kaum noch ActUp(8) Gruppen gibt, so gibt es eine Reihe Aktivisten, und Einrichtungen die sich diesem Annehmen. Auch der Jährliche Welt Aids Tag mit seinen begleitenden Kampagnen ruft HIV / Aids immer wieder in das Bewusstsein der Menschen. Das ist gut so, wenn auch viel zu wenig.

Siehe auch:

  1. http://derteilzeitblogger.wordpress.com/2013/10/13/safer-sex-ohne-kondom-schutz-durch-therapie-kombinierte-pravention/
  2. http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/positive%20stimmen%20Doku.pdf
  3. http://wusstensie.aidshilfe.de/menschenrechte-muessen-hinter-gitter
  4. http://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/saubere-spritzen-fuer-gefangene-deutsche-aids-hilfe-startet-unterschriftenaktion
  5. http://wusstensie.aidshilfe.de/flucht-nach-vorn
  6. http://www.ondamaris.de/?p=29976
  7. http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=14485
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Act_Up
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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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3 Antworten zu Das Thema HIV

  1. Pingback: Ist HIV wirklich kein Thema mehr? | 2mecs

  2. Teilzeitblogger schreibt:

    Sehr gut beschrieben! Ich werde passend zum Thema im Januar zur Positiven-Uni ins Waldschlösschen düsen und zusammen mit anderen schauen, wie wir die Zukunft gestalten wollen.

  3. Pingback: Ist HIV wirklich kein Thema mehr? - 2mecs

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