Welt-Aids-Tag in der Paulskirche, eine Nachlese

Wie seit vielen Jahren, gehört ein Besuch in der Paulskirche für mich zum Welt-Aids-Tag einfach dazu. Die Paulskirche ist eines der wichtigen Orte deutscher Geschichte. Es gab wenige Ausnahmen an denen ich am Welt-Aids-Tag eine andere Veranstaltung besucht habe. In diesem Jahr war das Motto „Zeitlebens“

Zeitlebens, weckt einige Assoziationen. Ich werde dank moderner Medikamente wahrscheinlich alt, aber immer mit dem Virus und den Medikamenten leben müssen. Andere leben bereits 30 Jahre mit dem Virus, viele Jahre davon in Angst nicht mehr lange Zeit zum Leben zu haben. Zeitlebens, jeder HIV-positive oder Angehörige, wird seine eigenen Gedanken dazu haben. Zeit für eigene Gedanken über sein Leben mit oder ohne HIV.

An diesem 1. Dezember hatte die Frankfurter einige interessante Gäste Geladen: Michael Bohl, von der Frankfurter Aids-Hilfe erzählte die Geschichte des Welt-Aids-Tages in der Paulskirche. Vor 20 Jahren zum ersten Mal nach einigen anderen Orten in der Paulskirche. Dieser WAT stand unter dem Motto: „AIDS-Memorial“.und war Anlass die gleichnamige Gedenkstätte von Tom Fecht an der Frankfurter Peterkirche einzuweihen. Die ersten Jahre galten mehr dem Gedenken der an Aids gestorbenen. Im Laufe der Zeit wandelte sich mit oder auch durch die Möglichkeit HIV behandeln zu können. Aus einer Trauerveranstaltung wurde mehr und mehr auch über Aktuelle Themen vorgetragen. So gab Michael Bohl eine Zusammenfassung der letzten 20 Jahre WAT in der Paulskirche.

Ein weiterer Gast war Renate Künast. Sie berichtete über den Umgang mit dem „alten“ AIDS, in den 80er. Über die abstrusen Vorstellungen von Peter Gauweiler und Horst Seehofer, HIV-Positive in Heime oder gar Lager zu deportieren. AIDS betraf damals vor allem jüngere homosexuelle Männer und wurde zu Anfang „Gay-related immune deficiency“ oder auch GRID genannt. Eine Zeit, in der junge Menschen auf Beerdigungen von ebenso jungen Menschen gingen. Es fand eine Panikmache in der Politik und den Medien statt. Verstorbene wurden in Plastiksäcke geschweißt, Ärzte und Pflegekräfte betraten Patientenzimmer von AIDS-Patienten nur mit Atemschutz und Handschuhen, obwohl es doch eher der Schutz des Patienten nötig gewesen wäre. Und ich erinnere mich dass als ich Carsten kurz vor seinem Tod besuchen wollte dazu aufgefordert wurde Kittel Atemschutz und Handschuhe anzulegen. Renate Künast erinnerte an Dinge die heute Vergessen sind. An das Nähen von Quilts zum Gedenken an verstorbene Freunde und Angehörige besonders in den USA, aber auch in Deutschland gab es einige die diese Decken zum Andenken nähten. Sie erinnerte an Ruta Süßmuth der wir es verdanken, dass sich Gauweiler und Seehofer nicht durchgesetzt haben und viel mehr auf Aufklärung und Prävention gesetzt hat. Zeitlebens wird Aufklärung nötig sein

Holger Wicht (DAH) und André J. Wather (Lebenspartner von Mario Wirz) berichteten über das Leben und Wirken von dem Schriftsteller und Poeten Mario Wirz im Dialog. Mario Wirtz schrieb über seine Abgründe, seine Sehnsucht, Hoffnung, Liebe und Leben. Nach 28 Jahren Leben mit HIV starb er am 30. Mai 2013 an Krebs.

Sehr kurz und knapp berichtete Schirin Bogner, über ihr Leben mit HIV. Vor 29 Jahren wurde sie mit der damals todbringenden Infektion geboren. Sie erzählt davon wie es war Freunde sterben zu sehen wie es ist seine Infektion zu verheimlichen oder mit Stigmatisierung und der Angst vor Diskriminierung zu leben, über ihren Kampf über ihr Leben mit dem Virus. Zeitlebens = Zeit zu Leben.

Die letzte Rede wurde von Florian Winkler-Ohm, Journalist und Präventionist vorgetragen. Er ist selber seit 8 Jahren HIV-positiv. Als Mann, in einer Zeit Positiv wurde lernte er die heutige Behandlung kennen ohne die realen Ängsten der Menschen, die sich vor 25-Jahren Infiziert haben. Er stellt die Frage ob der Name „Aids-Hilfe“ noch Zeitgemäß ist, sollte man den Namen nicht in HIV-Hilfe ändern? Er bezeichnet die Situation heute mit HIV 2.0 in der aber noch immer nach altem Muster Diskriminiert und Ausgegrenzt wird (Anmerkung: dazu gehören imo auch Ausgrenzungen bei vielen Versicherungen). Wir müssen HIV heute ein realistisches Bild geben. Dazu gehört auch das eine Therapie ein ebenso wirksamer Schutz ist wie ein Kondom.
Wir müssen den WAT nutzen um gegen Stigmatisierung und Diskriminierung zu kämpfen.

„Mit dem Titel „HIV 2.0 – und das Leben geht weiter“ arbeite ich derzeit an einem Buchtitel, der die Infektion und die Konfrontation dieser mit unserer Gesellschaft in die Neuzeit holt. Der aufräumt mit alten Klischees und der klar macht, dass in vielen Fällen heute HIV nicht mehr das prägende Thema in aufflammenden Beziehungen ist. Ob das schlimm ist? Das dürfen meine Leserinnen und Leser entscheiden. Ich selbst empfinde die Entwicklung äußerst positiv. Es ist jedem selbst überlassen wie er mit seiner Infektion umgeht.“

Fazit:

In Frankfurt ist der Welt-Aids-Tag anders. Allein durch den Ort Paulskirche ist er etwas Besonderes und der WAT in Frankfurt hebt sich von den sonst üblichen Charité Galas ab, durch seine Reden zu Themen die gerade von besonderem Interesse sind. Er dient weniger dem Geldsammeln sondern der Trauerarbeit. Dem Gedenken an unsere Toten. So ist jeder WAT in der Paulskirche etwas ganz besonderes. Nachdenklich, aber auch ermunternd. War vor 17 Jahren die Paulskirche noch übervoll mit zum großen Teil trauernden Hinterbliebenen, bleiben heute – darf ich leider sagen – viele Plätze leer. Wurde früher um etwa 600 Leute getrauert, sind es heute um die 60. Es ist gut, dass man heute mit HIV alt werden kann und dennoch darf das Thema HIV/AIDS nicht ganz aus den Köpfen verschwinden. Auffallend ist, das sehr wenige junge Menschen zu den Gästen des WAT in der Paulskirche gehören. HIV hat seinen Schrecken verloren, das ist gut so, aber HIV/AIDS darf auch bei den jüngeren nicht in Vergessenheit geraten. AIDS/HIV hat mich als Thema begleitet als ich vor etwas mehr als 30 Jahren meinem schwulen Comingout hatte und es wird mich den Rest meines Lebens begleiten. Zeitlebens

 

Die Reden gibt es zum Nachlesen auf der Seite der Frankfurter Aids-Hilfe

http://www.frankfurt-aidshilfe.de/content/veranstaltung-der-paulskirche#part2

 

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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