Gute Krankheit, böse Krankheit

Es ist ja nun schon Monate her dass ich das letzte mal etwas geschrieben habe. Irgendwie bin ich nicht dazu gekommen etwas zu schreiben. Eine Ausrede ist mein Mann, früher ist er immer sehr früh ins Bett gegangen und ich hatte abends immer ausreichend Zeit etwas zu schreiben. Zum anderen fehlte auch irgendwie der Antrieb. Da gab es mal ein Thema über das ich schreiben wollte aber dann hat mich mein Mann davon abgehalten. Nur wenn ein Thema zu alt wird macht es auch keinen Sinn mehr dazu etwas von sich zu geben. Nun aber zum eigentlichen.

Die Tage wird ja vielfach über den ehemaligen Außenminister Guido Westerwelle berichtet. Er sei an Leukämie erkrankt, so hört und ließt man. Sicher ist Leukämie eine üble Krankheit die ich niemanden wünsche, so wie ich auch niemanden eine andere Krankheit wünsche. Aber wieso der Titel? Nu ich denke viele denken jetzt „der arme Mann ausgerechnet an Leukämie zu erkranken!“, „das hat er nicht verdient!“… Man zeigt Mitgefühl. Leukämie wird zu einer „guten“ Krankheit.
Wie anders sähe es aus, wenn der gleiche Mensch – rein hypothetisch – mit HIV infiziert hätte? Ist er dann immer noch ein bemitleidenswertes Opfer einer heimtückischen Krankheit? Viele würden schon sagen, „der ist doch Schwul, da ist er selber Schuld dran wenn jetzt dieses Aids hat!“ Es passieren zwei Dinge auf einmal. HIV, also die Infektion mit dem HI-Virus wird gleich zu der Krankheit Aids und man bekommt die eine Schuld zugewiesen eine Krankheit zu haben. HIV bekommen eben nur Personen die sich das durch risikoverhalten irgendwo holen. HIV ist somit eine „böse“ Krankheit. Eine Krankheit die man bekommt weil man nicht der Norm entsprechend lebt, weil man schwul ist oder Drogenabhängig oder Prostituierte. HIV wird automatisch verbunden mit einem Verhalten außerhalb der Norm. Ergo, man ist selber Schuld wenn man es hat.
Es entsteht eine Einteilung von Krankheiten. Solche bei denen man das „Opfer“ bedauern muss, wie Herzinfarkt, Krebs, Diabetes u.a. und solche die man sich durch seinen Lebenswandel holt wie HIV, Hepatitis B und C. Ein Alkoholiker bekommt halt irgendwann eine Leberzirrhose, da ist er selber Schuld. Viele Raucher bekommen vielleicht Lungenkrebs, aber das sehr viele Menschen rauchen sind Lungenkrebspatienten dann zu bedauern – sie sind eben keine Außenseiter.
Es gibt Krankheiten die durch ein Stigma belegt sind. Krankheiten, die man durch unsteten Lebenswandel kriegt. Man ist mit HIV weniger zu bedauern als mit Leukämie. Gut dass Westerwelle eben Leukämie hat, nicht wie z.B. Nadija Benaissa, die als Virenschleuder durch die Presse gejagt wurde weil sie HIV hat. An diesem Beispiel wird deutlich das ein deutlicher Unterschied gemacht wird, welche Krankheit jemand hat. „Gute“ Krankheit, „böse“ Krankheit eben. Dabei sollte es gleichgültig sein welche Krankheit jemand hat. Menschen mit bestimmten Krankheiten werden so diskriminiert, sie sind weniger Wert als Menschen mit Krankheiten für die sie nicht verantwortlich sein können. Eine Bekannte Person mit HIV ist Schirin Bogner, sie wurde bei der Geburt mit HIV infiziert, kann also mit Sicherheit nichts für ihre Infektion. Man könnte fast sagen sie hat „gutes“ HIV, weil sie für ihre Infektion nichts kann. Aber lebt sie frei von Stigmatisierung, oder wird HIV in diesem Fall zu einer „guten“ Krankheit?
Auch heute noch werden Kinder mit HIV oder von Eltern mit HIV gemieden. Kinder die mit Sicherheit nichts dafür können, werden ausgegrenzt, wenn bekannt wird dass der Vater oder die Mutter HIV hat oder gar das Kind selber. HIV wird somit eine „böse“ Krankheit.

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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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5 Antworten zu Gute Krankheit, böse Krankheit

  1. saskia schreibt:

    Hi, soeben bin ich durch Zufall auf deinem Blog gestoßen. Deinen Artikel fand ich sehr gut geschrieben und was noch besser war, regte mich sehr zum nachdenken an. Ich hoffe du erreichst damit viele andere Menschen und wirst auch andere zum nachdenken und vielleicht sogar zum umdenken bewegen!! Alles Liebe und gute weiterhin!!!

  2. Schirin Bogner schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag und diese Worte!!

    1989 wurde in dem Dorf aus dem ich komme eine Abstimmung darüber gemacht ob ich mit „AIDS“ in den Kindergarten darf oder nicht. Sie ist zu 86% mit Nein ausgefallen. Das war das letzte mal wo Menschen mich wie jemanden mit dem gleichen Aids wie alle andern behandelt haben danach kam ich in die Öffentlichkeit. Eine Öffentlichkeit die mir das „gute“ HIV zugesprochen hat weil ich ja unschuldig bin. Bei jeder mir sich bietenden Gelegenheit weise ich darauf hin wie schrecklich ich diese Abstufung finde und wie falsch sie ist. Ich bin mir sicher min. 90% der Leser dieses Beitrags hatten irgendwann in ihrem Leben ungeschützten Sex mit einer Person die sie nicht gut kannten oder das Kondom hat versagt bei einer Person die sie gut kannten oder sie haben sich entschieden das Kondom weg zu lassen ohne vorher einen HIV- Test zu machen… mir fallen noch 1000 Situationen ein und Ihnen bestimmt auch. Jeder von dieser Menge hätte sich in dieser Situation mit HIV infizieren können.
    In dem Moment wo man auch nur darüber nachdenkt jemandem die Schuld dafür zu geben sollte man sich ehrlich fragen wie oft man selber schon nicht weniger schuldig, oder anständig oder klüger war sondern schlicht und einfach nur mehr Glück hatte.

    Soviel zu der Frage nach Schuld und Unschuld bei HIV. Ich hoffe sehr dass wir Menschen irgendwann lernen erst auf uns und unser Verhalten und dann auf das von Anderen zu schauen und dann zu erkennen, dass wenn sie alle ausgrenzen die nicht genau so sind wie sie, sie ganz schön alleine wären und eine Welt mit Menschen die niemals „Fehler“ machen ganz schön langweilig wäre.

    • Diego62 schreibt:

      Danke für deinen Kommentar. Es muss schlimm sein als Kind abgewiesen zu werden weil man eine Krankheit hat für die man selber nichts kann.

      • Schirin Bogner schreibt:

        Naja, ich musste mir niemals verzeihen.
        Das macht einen offenen Umgang mit der Krankheit vielleicht etwas leichter und das führt dazu, dass man viel Kraft und Zuspruch von anderen Menschen bekommt. Wenn man selber davon überzeugt ist, dass man Großartiges leistet indem man mit einer Krankeit lebt und die Betonung liegt auf leben, nicht nur überleben dann sendet man das auch an Andere und bekommt es zurück und das gibt Kraft und Mut.

        Auch in der Abweisung liegt was Positives, so entgeht man direkt für manche Menschen Zeit zu verschwenden und kann die Zeit die man einspart anderen widmen. 😉

      • Diego62 schreibt:

        Dein letzter Satz: Da ist viel Wahres dran.

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