PrEP, die neue Prävention?

„Die Wahrheit ist, dass Jakob das Wort „Prävention“ nicht mehr hören kann. Sein halbes Leben lebt er mit dem Virus, ist mit Aufklärungsbroschüren beworfen worden, hat Plakate an Werbewänden gelesen, Werbespots gesehen, Gespräche mit Ärzten geführt und sich die Reden von Gesundheitspolitikern angehört.“ 1

Jakob ist seit sehr langen Jahren HIV-positiv. Seine große Liebe starb 1989 an den Folgen von AIDS. Er ist ein Überlebender dieser Zeit.

Prävention ist eine super Sache. Jeder hat das recht sich selbst zu schützen. Sich zu schützen vor einer HIV Infektion und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. Viele geben das recht ab und versuchen eine Pflicht daraus zu machen andere zu schützen. Niemand jedoch kann erwarten das ein neuer Partner oder ein Sexabenteuer über seinen HIV Status sofort offen spricht oder diesen auch wirklich kennt. Daher ist das recht sich zu schützen wesentlich höher anzusetzen als die Pflicht andere zu schützen. Sicherlich empfinden, besonders Männer, Sex ohne Kondom besser, intensiver, natürlicher.

„Jeder weiß, wie man sich anstecken kann“, antwortete Marius vorsichtig. „Also … gehe ich davon aus, dass der andere schon positiv ist, wenn er mit mir ohne Gummi Sex machen will.“ 1

Wie sieht HIV Prävention heute aus?

Alle sollten heute wissen, dass man sich mit Kondome schützen. Das war früher so und gilt noch heute. Eine einfache und preiswerte Möglichkeit wenn man jemanden neu kennen lernt. Es gibt auch die Möglichkeit dass ein HIV positiver Partner einen anderen schützen kann, auch ohne Kondome zu benutzen. Unter der Voraussetzung das er erfolgreich Antiviral behandelt wird. Das bedeutet er/sie nimmt regelmäßig Medikamente gegen HIV und ist mindestens sechs Monate unter der Nachweisgrenze. Heute wird es die Virenlastmethode genannt. Sie gilt als sicherer als die Benutzung von Kondomen.

Seit einiger Zeit manifestiert sich eine neue Möglichkeit. Ein HIV negativer nimmt das HIV Medikament Truvada® und schützt sich so selber. Man nennt diese Möglichkeit PrEP (Prä-Expositions-Prophylaxe). Also ein Schutz vor einer Übertragung.

Nun eine Monatspackung Truvada® kostet in Deutschland etwa 800 Euro. Noch ist es fraglich ob diese Art der Prävention in Deutschland zugelassen wird oder nicht. Genauso wenig steht fest wer die Kosten tragen wird. Die Krankenkassen werden sich sicherlich sträuben die Kosten zu tragen. Ein Normalverdiener wird das wohl kaum können.

Was jedoch bekannt ist, dass diese Variante sehr sicher ist, wenn die Person das Medikament wirklich regelmäßig einnimmt. Je öfter die Person die Einnahme vergisst umso geringer ist der Schutz. Wer glaubt Samstagmorgen eine Pille einwerfen zu können um am Abend in der Sauna oder im Swinger Club folgenlos ficken zu können irrt sich gewaltig. Hier jedoch liegt die Gefahr. Schon heute gibt es einen Schwarzmarkt für das Medikament. Man besorgt sich ein paar Truvada® nimmt sie 2, 3, 4 Tage und glaubt für die nächste Sex Party genug für seinen Schutz getan zu haben. Wer sich Truvada® für eine PrEP auf dem Schwarzmarkt besorgt läuft Gefahr durch mögliche Nebenwirkungen seinen Körper auf dauer zu schädigen, da anders als bei HIV-Patienten dann die enge ärztliche Kontrolle fehlt. Aus selben Grund kann es unbemerkt, weil die Pillen dann eben doch nicht regelmäßig genommen werden durch zu einer HIV-Infektion kommen.

Mögliche Nebenwirkungen sind wohl bekannt, werden aber immer wieder verdrängt. Was tun wenn doch Nebenwirkungen auftreten? Wenn ständig Übelkeit oder Durchfall der Begleiter dieser PrEP sind. Wenn die Nieren mit dem Medikament nicht zurechtkommen… Klar als Gesunder kann man sofort aufhören. Was ist wenn es zu einer Infektion kommt weil man die Pillen nur sporadisch nimmt? Sehr schnell können Resistenzen entstehen, damit fällt dann aber ein wichtiges Medikament bei einer späteren Behandlung weg. Wenn mehr Leute durch falsche Anwendung resistente HI-Viren haben ist auch eine PrEP irgendwann nicht mehr wirksam. Und ein wichtiges Medikament wird unter Umständen für viele wirkungslos.

Ich kenne Leute die für die PrEP kämpfen. Ich verstehe die Argumente dafür und respektiere ihre Meinung. Ich sehe aber auch Risiken. Eine PrEP sollte ausschließlich unter enger ärztlicher Kontrolle genommen werden, wird man das wirklich so durchziehen können? Was ist mit dem Schwarzmarkt. Was mit Leuten die anderen, unerfahrenen, mal eine Pille in die Hand drücken und sagen dann kann dir nichts passieren. Möglichkeiten für Missbrauch gibt es viele. Für jemanden der weiß was er tut ist die PrEP eine hervorragende Möglichkeit der Prävention, das glaube ich sicher. Sollte die PrEP hier zugelassen werden braucht es verdammt schnelle und gute Aufklärung damit mögliche Gefahren so gering wie möglich gehalten werden.

Ich kann Safer Sex manchmal nicht mehr hören, wenn er mir die alleinige Verantwortung aufbürdet, wie das heute vielfach falsch verstanden wird. Dennoch ist Prävention heute genauso wichtig wie vor 30 Jahren. Darum müssen Politik und Aufklärungseinrichtungen wie z.B. Die Aids-Hilfen erkennen das auch andere Wege gehen um eine Prävention für viele einfacher zu machen. Eine PrEP ist sinnvoll für Menschen die einem besonderen Risiko ausgesetzt sind. Wo der Partner HIV hat und noch keine Medikamente nimmt oder die Richtlinien für die Virenlastmethode nicht erfüllt sind. Für Sexarbeiter oder Menschen die in keiner monogamen Beziehung leben oder leben wollen.

Eine PrEP ist nicht geeignet wenn man sie ohne ärztliche Kontrolle nur mal sporadisch einwirft.

Weitergehendes um Thema:

http://blog.aidshilfe.de/2014/09/29/durchweg-geschockt-ueber-den-preis/

http://blog.aidshilfe.de/2014/09/18/pillen-und-die-angst-vor-hiv-gedanken-zur-prep-debatte/

 

  1. „Wie Jakob die Zeit verlor“ Jan Stressenreuter, Querverlag GmbH©, Berlin 2013
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Über Diego62

Ich bin HIV-positiv, male Bilder und arbeite im Einzelhandel. Mein Wohnort ist ein Dorf in Südhessen.
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